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Höchstpreise bei Neuemissionen: Spielt der IPO-Markt jetzt wieder verrückt?

Bild: Ralf Anders

Lange Zeit haben sich Börsenkandidaten geziert. Das Marktumfeld sei nicht ideal, man möchte einen besseren IPO-Zeitpunkt abwarten. Wirklich für Aufsehen sorgten fast nur Konzernabspaltungen. Nun geht es aber Schlag auf Schlag, von Mynaric (WKN:A0JCY1) bis Healthineers — und drei Dinge erinnern mich in beängstigender Weise an das Jahr 2000.

Hype-Themen wichtiger als Substanz

Vor 17 Jahren musste man nur das magische Kürzel „.com“ in seinen Unternehmensnamen schreiben und die Anlegerschaft war begeistert. Neuemissionen wurden vielfach überzeichnet und nach der Erstnotiz konnten sofort hohe Gewinne mitgenommen werden.

Wer heute Investoren überzeugen will, der muss Begriffe wie „Blockchain“ oder „Künstliche Intelligenz“ groß herausstellen. Noch ist die Euphorie nicht ganz so wie damals, aber wir nähern uns nach meinem Empfinden mit großen Schritten.

Beispiele VARTA und NAGA Group

Ein zwar solider, aber nicht gerade spektakulärer Batteriehersteller wie VARTA (WKN:A0TGJ5) konnte nicht nur den Emissionskurs am oberen Ende festlegen, sondern auch noch gleich Kurssteigerungen vermelden. Der Verweis auf das aussichtsreiche Thema Energiespeicher genügte offenbar, um großes Anlegerinteresse zu wecken, obwohl gerade in den spannendsten Wachstumssegmenten gnadenloser Wettbewerb droht. Immerhin ist der Kurs wieder ein Stück zurückgekommen.

Mit Tokens der selbsterfundenen Kryptowährung „NAGA Coin“ will die NAGA Group (WKN:A161NR) überzeugen. Eine limitierte Anzahl von 400 Millionen davon sollen „produziert“ werden zum anfänglichen Ausgabepreis von 1 US-Dollar. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um handelbare Gutscheine für die Leistungen im „NAGA-Ökosystem“, aber bei vielen Anlegern kommt das offenbar gut an — mein Urteil: sehr zweifelhaft.

Genauso erstaunlich finde ich das neueste Beispiel mit dem kryptischen Namen Mynaric.

Mynaric: Fragliches Geschäftsmodell

Deren Aktien sind zuletzt auf über 60 Euro hochgezogen (01.11.), nachdem beim Ausgabepreis von 54 Euro bereits die Spanne ausgereizt wurde. Die Wissenschaftler haben einen Weg gefunden, um per Laserstrahl Daten zu übertragen, selbst zwischen beweglichen Flugobjekten wie z. B. Satelliten oder Prallluftschiffen.

Mir kommt da Cargolifter in den Sinn, die damals ebenfalls Großes vorhatten. Aber statt die Schwerlast-Logistik zu revolutionieren, ging dem Vorhaben bald die Luft aus, weil die Kosten immer weiter stiegen und die Ergebnisse der Weiterentwicklung ernüchternd waren. Immerhin hatten die Berlin-Brandenburger eine schöne Halle gebaut, die heute ein überdimensioniertes Erlebnisbad beherbergt.

Mynaric hat auf der anderen Seite außer der Entwicklungsleistung noch fast nichts Handfestes vorzuweisen. Die Anlagen des Unternehmens erreichten Ende 2016 nicht einmal den Wert von einer Million und auch für die Zukunft bestehen laut Börsenprospekt keine fixen größeren Investitionsvorhaben. Umsätze werden derzeit nur mit Entwicklungsprojekten zur Demonstration generiert. Sie kommen kaum über eine Million Euro hinaus.

Dass die Technik selbst ausgefeilt ist, will ich gar nicht bezweifeln. Die Verknüpfung mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt bürgt für Qualität. Allerdings kann ich nicht so richtig glauben, dass die Anwendung über sehr begrenzte Nischen (z. B. Luftfahrt, Militär, Katastrophen) hinauskommen wird. Das Problem: Mynaric will gar nicht in diese Nischen, sondern viel mehr in den kommerziellen Bereich drängen. Gemeinsam mit zahlungskräfigen Partnern sollen globale Kommunikationsnetze entstehen.

Aber dass die Mynaric-Lösung einen wesentlichen Beitrag zum glasfaserbasierten Internet-Rückgrat liefern könnte, halte ich für völlig unrealistisch. Dafür sind die Datenübertragungsraten viel zu niedrig. Gerade mal von zukünftig „mehreren Gigabit pro Sekunde“ ist dort die Rede, also der Bandbreite von rund tausend DSL-Anschlüssen. In bisherigen Experimenten wurde lediglich 1 GB/s erzielt, während woanders Forscher mit Glasfasern bereits die Petabit-Größenordnung erreicht haben, also eine Million Mal mehr.

Wenn das nicht schon genug wäre, weckt nun auch noch Siemens (WKN:723610) pünktlich zu Halloween alte Schreckgespenster.

Siemens wartet weiter auf den besten Moment

Einer der letzten erfolgreichen IPOs im Jahr 2000 war derjenige von Infineon (WKN:623100). Danach rauschten die Aktienkurse in den Keller und der heute wieder blendend dastehende Halbleiterspezialist ging zwischenzeitlich fast pleite und wurde zum Pennystock degradiert.

Auch heute steht wieder ein bedeutender Siemens-Börsengang an, nämlich der von Healthineers. Die Gesundheitstechnik des Konzerns soll aber erst noch aufgehübscht werden, um einen maximalen Preis erzielen zu können. Dass gleichzeitig der Gesamtmarkt immer neue Höhen erklimmt spielt den Münchnern in die Karten. So wie es derzeit aussieht, steht in diesem Jahr keine größere Korrektur mehr an, sodass der IPO im Frühjahr 2018 ein voller Erfolg werden könnte — für Siemens.

Was also tun?

Trotz gewisser Parallelen muss man jetzt nicht schon gleich in Panik verfallen. Es gibt an den Börsen noch immer genügend Qualität zum fairen Preis. Aber etwas Zurückhaltung und kritische Prüfung ist bei unklaren Geschäftsmodellen und großartigen Versprechungen auf alle Fälle angebracht. Denn auf den schnellen Gewinn auf dem Papier kann manchmal ruckzuck ein übler Kurseinbruch folgen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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