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So ist der Kapitalismus zu retten – und warum es sich lohnt

Die Zentralbanken haben mit ihrer viel zu lange anhaltenden lockeren Geldpolitik zwei Dinge „erreicht“: einmal die „Durchfütterung“ von unter normalen Umständen bankrotten Unternehmen mit immer noch billigeren Krediten. Und zweitens eine beschleunigte Umverteilung der Vermögen von unten nach oben.

Für Letzteres wird pauschal der Kapitalismus verantwortlich gemacht. Dabei haben die Aktionen der Zentralbanken in den letzten ein bis drei Jahrzehnten gar nichts mit Kapitalismus zu tun. Im Gegenteil, mit dem Kauf von Unternehmensanleihen (und im Fall Japans auch Aktien, was vielleicht bald bei uns auch kommt) aus der Druckerpresse hebeln die Zentralbanken die Marktkräfte sogar aus.

Und schaut man sich die Vermögensschere in den USA an, dann erkennt man, dass die Vermögensverteilung von Reich zu Arm nach einem starken, aber kurzen Anstieg beginnend mit 1920 bis Ende der 1970er sogar kleiner wurde. Erst einige Jahre nach Beendigung des Goldstandards im Jahr 1973 – was den Zentralbanken mehr Macht einbrachte – ging die Vermögensschere wieder auseinander.

Ich behaupte deswegen, dass wir uns alle – nicht nur Anleger – eher wieder mehr Kapitalismus als weniger wünschen sollten. Aber nicht irgendeinen Kapitalismus, sondern einen, der bewusst für alle da ist – sowohl für den Menschen als auch unsere gesamte Umwelt. Ich würde das den „Bewussten Kapitalismus“ nennen.

Conscious Capitalism – der bewusste Kapitalismus

Wie der Zufall es so will (es ist kein Zufall) gibt es eine solche Philosophie und bereits eine immer größere Bewegung dahinter, bestehend aus großartigen Unternehmern und anderen Persönlichkeiten. Sie nennt sich genauso: Conscious Capitalism. Und sie ist keine kleine Bewegung mehr. Es findet in diesem Jahr in Berlin bereits die zweite Conscious Capitalism Konferenz in Europa statt.

Der Conscious Capitalism beruht auf vier Prinzipien, die ich hier vorstellen möchte – zusammen mit Beispielen von Unternehmen, die ein sehr klares Indiz dafür sind, dass diese bewusste Art des Kapitalismus nicht nur bereits existiert, sondern auch wirklich gewinnbringend für alle ist – sowohl für die Unternehmen, die danach leben, als auch für alle anderen Stakeholder und die Umwelt.

Prinzip 1: Ein höherer Zweck („Higher Purpose“)

Das Ziel einer Unternehmung sollte nicht die reine Gewinnabsicht sein. Es sollte einen Zweck jenseits des Profits geben, auf den sich das Unternehmen fokussiert.

Prinzip 2: Eine Ausrichtung auf alle Interessensgruppen („Stakeholder Orientation“)

In der Business School und bei vielen Anlegern hört man oft das Prinzip des Shareholder Value – einem Fokus auf die Renditen für die Unternehmensbesitzer = Aktionäre. Beim Conscious Capitalism konzentriert man sich zwar auch auf die Aktionäre. Aber genauso wichtig sind dabei Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und das ganze vom Unternehmen betroffene Ökosystem. Es soll der Mehrwert für alle optimiert werden.

Prinzip 3: Eine bewusste Führung („Conscious Leadership“)

Bewusste Leader verstehen und leben sozusagen den höheren Zweck des Unternehmens. Sie fokussieren sich darauf, die Interessen aller Stakeholder zu harmonisieren und so Mehrwert für alle zu schaffen.

Prinzip 4: Eine bewusste Kultur („Conscious Culture“)

Die Kultur besteht aus den Prinzipien, Werten und Praktiken, für die ein Unternehmen steht. Eine bewusste Kultur durchdringt die gesamte Organisation und fördert das Vertrauen aller Stakeholder untereinander.

Warum diese Prinzipien die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Unternehmens erhöhen

Von Kritikern des Conscious Capitalism hört man oft, dass diese Prinzipien dem Erfolg eines Unternehmens im Weg stehen. Schaut man jedoch in die Praxis, stellt man eher das Gegenteil fest. Es gibt einige Beispiele von Unternehmen, die wegen ihrer Prinzipien so erfolgreich sind und nicht trotz.

Tesla zum Beispiel hat einen klar artikulierten höheren Zweck: den Wandel der Welt hin zu einem nachhaltigeren Transport zu beschleunigen. Alles, was das Unternehmen tut, richtet sich an diesem Zweck aus. Ich behaupte, dass Tesla nur sehr unwahrscheinlich so weit gekommen wäre, wenn man einfach nur Elektroautos bauen wollte, weil man darin ein gutes Geschäftsmodell gesehen hätte.

Ein Beispiel für Prinzip 2 ist der österreichische Faserhersteller Lenzing. Das Unternehmen strebt „ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen von Gesellschaft, Umwelt und Ökonomie“ an. Dass das nicht nur Worte sind, sondern sich die Taten des Unternehmens danach ausrichten, sieht man zum Beispiel an den vielen für die Umwelt förderlichen Innovationen des Unternehmens.

Auch das aktuell vielleicht erfolgreichste Unternehmen der Welt, Amazon, steht heute hauptsächlich aus einem Grund an dieser Stelle.

Dem Gründer und CEO von Amazon, Jeff Bezos, soll zu Beginn einmal vorgeworfen worden sein, dass es eine schlechte Idee sei, negative Beurteilungen von Büchern auf seiner Website zu erlauben: „Vielleicht verstehen Sie nicht, worum es bei einem Unternehmen geht. Sie machen Geld, wenn Sie Dinge verkaufen.“

Jeff Bezos Antwort: „Nein, wir machen nicht Geld, wenn wir Dinge verkaufen. Wir machen Geld, wenn wir Kunden helfen, Kaufentscheidungen zu treffen.“

Das ist ein sehr gutes Beispiel von Prinzip 3. Jeff Bezos lebt Kundenorientierung. Das gesamte Unternehmen richtet sich deswegen in aller erster Linie danach aus und ich denke, das ist es, was am Ende das Vertrauen aller Stakeholder untereinander fördert.

Trivago-CEO Rolf Schrömgens sagte mir einmal in einem Gespräch zu seinem Unternehmen: „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir eine Kultur des Vertrauens schaffen wollen.“ Genau das scheint er erreicht zu haben. Ich hatte selten mit einem Unternehmen (außer meinem eigenen Arbeitgeber, The Motley Fool, wenn ich das erwähnen darf) zu tun, bei dem die eigene Kultur so im Vordergrund steht und so sehr von der Authentizität des eigenen CEOs geprägt ist. Mein Eindruck ist, dass man genauso versucht, die Interessen von Hotelgästen zu befriedigen wie die von Hotelanbietern. Und von der Kultur des Vertrauens im Unternehmen erwartet man, Mehrwert für diese Stakeholder und dadurch langfristig zum Beispiel auch für Aktionäre zu schaffen.

Keines dieser Unternehmen, zumindest meines Wissens nach, hat sich explizit dem Conscious Capitalism verschrieben. Jedes davon verkörpert jedoch, zumindest teilweise, die entsprechenden Prinzipien. Und ich behaupte, dass keines dieser Unternehmen so erfolgreich wäre, wenn sie sich nicht diesen Prinzipien verschrieben hätten.

Und ich gehe einen Schritt weiter: Wenn sich Unternehmen allgemein diesen Prinzipien verpflichten würden, dann könnten wir in einer Welt leben, die zwar eindeutig kapitalistisch ist, die aber möglicherweise eine bessere Welt für uns alle und die Umwelt wäre, als es sie bisher in der Geschichte jemals gab.


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Offenlegung: John Mackey, CEO von Whole Foods Market, einem Unternehmen von Amazon, ist Mitglied des Board of Directors von The Motley Fool. Bernd Schmid besitzt Aktien von Amazon, Lenzing, Tesla und Trivago. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon und Tesla und empfiehlt Aktien von Lenzing und Trivago.