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Die schwierigste Entscheidung bei der Suche nach Aktien

Foto: Getty Images

Seit dem Start meines Börsenbriefes habe ich schon die eine oder andere schlechte Entscheidung getroffen. Zum Beispiel habe ich eine Aktie empfohlen, die kurze Zeit danach regelrecht abstürzte und heute mit minus 60 % die Gesamtperformance ziemlich nach unten zieht. Oder ich habe mich dafür entschieden, eine noch aktive Empfehlung zum Verkauf zu empfehlen, die danach gestiegen ist.

Aus Renditesicht waren dies jedoch nicht meine schlechtesten Entscheidungen. Es waren drei Situationen, in denen ich mich gegen die Empfehlung von Aktien entschied, die danach regelrecht durch die Decke gingen. Zwar bin ich von allen meinen aktiven Empfehlungen überzeugt und die durchschnittliche Performance dieser ist auch ordentlich. Trotzdem wäre letztere noch einmal eine andere Hausnummer, hätte ich mich in diesen drei Situationen zumindest einmal anders entschieden.

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Das Schöne am langfristigen, unternehmensorientierten (gleich „Foolishen“) Investieren ist, dass es für diese Aktien noch nicht zu spät sein muss. Im Gegenteil, denn es lohnt sich bei den richtigen Gewinnern sogar, nachzuinvestieren. Die größere Frage ist, ob meine ursprünglichen Entscheidungen gegen diese Aktien die „falschen“ oder die „richtigen“ waren.

Richtig und falsch gegen gut und schlecht

Das ist nicht zu verwechseln mit „gut“ oder „schlecht“ im Sinne der Ergebnisse, die diese Entscheidungen hervorgebracht haben. Denn auch eine richtige Entscheidung kann zu einem schlechten Ergebnis führen, so wie eine falsche Entscheidung zu einem guten Ergebnis führen kann.

Zum Beispiel bei einer Wette, die

  • dir 100 Euro einbringt, wenn Bayern München in dieser Saison die Champions League gewinnt und die
  • dich 50 Euro kostet, wenn Bayern München dieses Kunststück nicht gelingt.

Sollte man diese Wette eingehen? Nur wenn man glaubt, dass Bayerns Chancen auf den Gewinn der Champions Leauge in diesem Jahr bei mehr als 33 % liegen, denn dann steht man statistisch auf der richtigen Seite.

Da die Chancen jedoch aus meiner Sicht zumindest eher niedriger liegen, wäre die richtige Entscheidung die Wette abzulehnen. Nehmen wir an, man geht die Wette trotzdem ein und Bayern gewinnt am Ende die Champions League. Der Ausgang der Wette war also gut, man hat 100 Euro mehr in der Tasche. War das deswegen die richtige Entscheidung? Natürlich nicht.

Und beim Investieren ist es gar nicht anders. Man weiß den Ausgang vorher nicht, ganz egal wie überzeugt man von einem Unternehmen oder einem Markt ist. Jede Investition ist daher auch eine Wette. Und wenn man erfolgreich investieren möchte, geht man diese Wetten immer nur dann ein, wenn man laut seiner eigenen Einschätzung auf der richtigen Seite steht.

Die schwierigste Entscheidung bei der Aktiensuche

Das Schöne an der Börse ist, dass man in jedem Moment fast unzählige solcher Wetten eingehen kann. Es gibt mehr als 1.200 Unternehmen, die ihre primäre Notierung an einer deutschen Börse haben, an US-Börsen sind es mehr als 12.500 Unternehmen und in allen restlichen Ländern kommt noch einmal eine mittlere fünfstellige Anzahl an Unternehmen dazu.

Das ist schön, weil man praktisch garantiert zu jedem Zeitpunkt Investitionen finden kann, bei denen das Chancen-Risiken-Verhältnis auf der eigenen Seite steht.

Es ist aber gleichzeitig auch nicht so schön, denn man kann unmöglich all diese Investitionsmöglichkeiten ausreichend analysieren, um sich eine ausgeprägte Meinung basierend auf Fakten über diese zu bilden. Man hat nun zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen:

  1. Man fällt seine Entscheidungen oberflächlich, ohne eine zu tiefgehende Analyse.
  2. Man analysiert nur einen Teil der Investitionsideen.

Es dürfte klar sein, dass der Erfolg bei Weg Nummer 1 mehr durch Glück bestimmt wird als bei Weg Nummer 2. Wer sich also beim Anlegen seines Kapitals nicht nur auf sein Glück verlassen möchte, der sollte Weg Nummer 2 wählen.

Und hier kommt die für mich schwierigste Entscheidung bei der Aktiensuche ins Spiel: Welche dieser vielen Investitionsmöglichkeiten untersuche ich genauer, und welche lasse ich außen vor? Das ist ein ganz entscheidender Schritt im Investitionsprozess, denn dieser bestimmt, wie effektiv man seine wenigen Stunden pro Tag einsetzt, die man für die Aktienrecherche hat. Zu viel Zeit mit der Analyse einer nicht vielversprechenden Investitionsmöglichkeit bedeutet, dass man wertvolle Stunden eingesetzt hat, in denen man eine viel interessantere Investitionsmöglichkeit hätte untersuchen können.

Aber wie und wann trifft man diese Entscheidungen in seinem Investitionsprozess? Liest man vorher einen ganzen Geschäftsbericht eines Unternehmens durch, nimmt die gesamte Bilanz durch die Mangel und vergleicht diese mit den Wettbewerbern im Markt? Versucht man die Anreize des Managements zu verstehen, und welche Wachstumsmöglichkeiten ein Unternehmen außerhalb seines aktuellen Marktes hat?

Hierauf gibt es keine pauschale Antwort. Manchmal kommt man schneller zur Überzeugung, dass man es mit einem möglichen Reinfall zu tun hat, meist dauert es jedoch länger. Irgendwann muss man jedoch die Reißleine ziehen. So wie ich bei den oben erwähnten Aktien, die ich erst einmal außen vor ließ und die dann in den Quartalen danach durch die Decke gingen.

Meine drei schlechten Entscheidungen

Es handelte sich dabei um Wirecard, Dr. Hönle und Isra Vision. Meine Gründe, mich gegen noch tiefergehende Recherchen dieser Unternehmen zu entscheiden, waren unterschiedlich.

  • Bei Wirecard waren die Gründe, warum ich davon Abstand genommen hatte die Historie im Glücksspiel- und Erotikbereich, außerdem möglicherweise fragwürdige Bilanzierungstechniken (ich habe damals versucht, die von Short Sellern kritisierten Geldflüsse und einzelnen Konten nachzuvollziehen – alle Einzelheiten komplett nachzuvollziehen war auf Basis der Geschäftsberichte nicht ganz möglich), die aggressive Akquisitionsstrategie und das relativ komplexe Geschäftsmodell.
  • Bei Dr. Hönle habe ich keinen Burggraben finden können.
  • Bei Isra Vision war es, dass das Management enorm auf reines Wachstum zu setzen schien. Es fehlte mir damals die übergeordnete Vision, anhand derer sich das Unternehmen langfristig ausrichten möchte, und eine klarere Differenzierung zum Wettbewerb.

Waren diese schlechten Entscheidungen nun Fehler oder waren es die richtigen Entscheidungen? Ich bin nicht sicher, ob ich diese Frage wirklich zu 100 % ehrlich beantworten kann, da dies auch meinungsabhängig ist und ich natürlich voreingenommen bin (wie jeder Mensch, wenn es um seine eigene Meinungen geht). Aber ich versuche es hier.

Bei Wirecard glaube ich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wirecards Geschäftsmodell ist enorm komplex, und das Unternehmen expandiert in alle möglichen Ecken der Welt, auch ganz stark durch Übernahmen. Man muss überdurchschnittlich viel Zeit investieren, um vor allem die Profitabilitätstreiber und Risiken zu verstehen. Ich würde heute nach wie vor dieselbe Entscheidung treffen und würde meine Zeit lieber damit verbringen, einige andere Unternehmen besser zu verstehen als dieses eine.

Bei Isra Vision bin ich nicht ganz sicher. Auf der einen Seite kommt ein Großteil des Wachstums einfach auch durch den Markt, weswegen ich mir durchaus vorstellen kann, dass Wettbewerber Isra den Schneid abkaufen können, wenn sie es wirklich darauf anlegen. Auf der anderen Seite ist die Wachstumsstrategie des Unternehmens durchaus eine andere als die einiger Wettbewerber. Meine damaligen Recherchen habe ich jedoch bereits abgebrochen, bevor ich dies herausgefunden hatte. Das war sicherlich ein Fehler im Prozess (den Wettbewerb zu wenig zu untersuchen). Die Frage, ob diese Differenzierung in der Strategie eine sinnvolle ist, muss ich trotzdem noch beantworten, daher kann ich heute noch nicht sagen, ob es damals die richtige oder falsche Entscheidung war, nicht zu investieren.

Bei Dr. Hönle habe ich eher die falsche Entscheidung getroffen. Ja, ich konnte den Burggraben nicht identifizieren. Die Finanzkennzahlen lassen jedoch einen solchen vermuten – und auch sonst hatte das Unternehmen viele Merkmale, nach denen ich explizit Ausschau halte (zum Beispiel einen relevanten Insider Ownership). Auch wenn der Burggraben eines der wichtigsten Merkmale des Foolishen Investierens ist, die eierlegende Wollmilchsau bei der wirklich alles passt findet man nur in ganz seltenen Fällen. Man darf deswegen, zumindest wenn man ein breites Portfolio an Unternehmen aufbaut, auch einmal in eine Wollmilchsau investieren, wenn man sich (noch) nicht ganz sicher ist, ob sie auch Eier legen kann.

Was ich aus diesen Entscheidungen gelernt habe

Man kann nur ein besserer Investor werden, wenn man aus seinen richtigen und falschen Entscheidungen lernt und diese nutzt, um seinen Investitionsprozess so anzupassen, dass man in Zukunft weniger Fehler begeht.

Hier habe ich persönlich besonders aus Isra Vision gelernt. Ich habe bei meinen initialen Recherchen zu schnell die Reißleine gezogen. Hätte ich die Wettbewerber besser recherchiert (was gar nicht so schwierig gewesen wäre, denn viele davon sind ebenfalls börsennotiert), hätte ich eine bessere Grundlage für meine Entscheidung gehabt. Mein Ziel ist es daher, in Zukunft noch mehr Wert darauf zu legen, zumindest einen Schnellcheck der größten Wettbewerber eines Unternehmens zu machen, bevor ich die Entscheidung treffe, ob es sich lohnt noch tiefer in die Analyse einzusteigen oder nicht.

Es wird aus meiner Sicht für uns Anleger noch immer die schwierigste Entscheidung bleiben, ab wann man eine Aktie abhakt und sich der nächsten widmet. Aber wenigstens sollte man sich die Zeit nehmen, zumindest eine Idee davon zu haben, wie das Unternehmen in Bezug auf seine eigenen wichtigsten Kriterien dasteht – diese sind: das Mangement, die Kultur des Unternehmens, der Wettbewerbsvorteil und die Wachstumsaussichten im aktuellen Markt und darüber hinaus.

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Offenlegung: Bernd Schmid besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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