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Darum findet Würths US-Investmentstopp kaum Nachahmer bei DAX-Unternehmen

Bild: Ralf Anders

Mit Würth setzt ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft ein Zeichen: In den USA werden keine neuen Investitionen mehr getätigt — bis das Trump-Regime abgelöst wird. Da stellt sich für mich die Frage, ob das als Vorbild für DAX-Konzerne dienen könnte, und ich habe mir mal angeschaut, wie diese mit der schwierigen Situation umgehen.

Warum der Investitionsstopp eine gute Entscheidung ist

Für viele Menschen, die in den 80ern voller Hoffnung auf Ronald Reagans Amerika geblickt oder gar wie Reinhold Würth noch die Schrecken des Krieges miterlebt haben, sind die aktuellen Zustände im Weißen Haus nur schwer zu ertragen.

Aber wie soll man mit einem Partner umgehen, der plötzlich völlig verrücktspielt? Es ist wohl nicht viel anders als in einer lang währenden Ehe mit Haus und gemeinsamen Kindern. Man kann sich erstens zoffen, bis einer nachgibt, es zweitens aussitzen, bis Besserung eintritt, drittens sich den Gegebenheiten fügen oder viertens getrennte Wege gehen.

Nun haben Amerika und Europa vielleicht sogar noch ein paar Dinge mehr gemeinsam als nur „Haus und Kinder“. Deshalb gibt es kaum eine gewichtige Stimme, die sich dafür ausspricht, den USA komplett und dauerhaft den Rücken zu kehren. Die vierte Alternative fällt also zunächst raus.

Würth hat sich für die zweite Option entschieden, was für mich wie ein kluger Kompromiss aussieht. Es ist zunächst ein Signal an die USA, dass „America first“ nicht immer so funktioniert, wie es sich das Regime erhofft. Zudem ist es auch ein Signal an andere Märkte, dass Investitionsbereitschaft eng mit Kooperationsbereitschaft zusammenhängt.

Der Schrauben- und Dübelkonzern ist in 80 Ländern aktiv und kann sich frei aussuchen, wo er Ressourcen für weiteres Wachstum einsetzt. Ähnlich geht es vielen deutschen Exporteuren, weshalb es – offen oder verdeckt – durchaus Nachahmer geben könnte.

Investitionsstopp bedeutet ja keinesfalls, dass man auf das US-Geschäft verzichten will. Vielmehr kann die dortige Niederlassung die Trump-Zeit nutzen, um die Profitabilität durch Rationalisierungsmaßnahmen zu steigern.

Wie die DAX-Konzerne handeln

Viele europäische Politiker haben nach all den Eskapaden ihrer US-Pendants die Nase gestrichen voll und kommen zunehmend in den Zoff-Modus. Schließlich wurden einige ihrer bedeutendsten diplomatischen Projekte und der über Jahrzehnte weiterentwickelte Multilateralismus insgesamt übelst sabotiert.

Die meisten Unternehmenslenker können es sich jedoch kaum leisten, ins Visier des oft willkürlich agierenden Regimes zu geraten. Zu groß ist die Gefahr für das Geschäft. Immerhin ist Siemens  (WKN:723610)-Chef Joe Kaeser selbstbewusst genug, um ein paar kritische Worte auszusprechen. Das kann er deshalb, weil Siemens spätestens seit den Übernahmen von Dresser-Rand und Mentor Graphics bereits stark amerikanisiert ist.

Sich den Tatsachen zu fügen würde bedeuten, eine stärkere lokale Präsenz aufzubauen, um so ähnlich wie Siemens Teil von „America first“ zu werden. Für eine solche Strategie scheinen sich zahlreiche Unternehmen zu entscheiden. Amerikanische Konzerne haben es längst vorgemacht: Führende Marken wie Coca-Cola (WKN:A1C56R), McDonald’s (WKN:856958) und Ford (WKN:502391) sind in Europa keine Importeure, sondern nahezu komplett einheimisch.

Aktuell wollen beispielsweise Linde (WKN:648300) und Bayer (WKN:BAY001) mit ihren transatlantischen Megadeals amerikanischer werden. Kaspar Rorstedt von adidas (WKN:A1EWWW) hat Nordamerika zu einer „strategischen Priorität“ erklärt und investiert massiv. Ein anderes Beispiel: Fresenius Medical Care (WKN:578580), die sowieso bereits ihren geschäftlichen Schwerpunkt in den USA hatte, kaufte dort letztes Jahr mit NxStage Medical ein weiteres Mal groß hinzu.

Es hängt vom Einzelfall ab

Jeder Konzern befindet sich in einer anderen Situation. Beispielsweise sind die Autobauer unmittelbar von den Zöllen betroffen, während andere zunächst nahezu ungestört weitermachen können. Die Entscheidung von Würth finde ich begrüßenswert, aber ich kann teilweise auch diejenigen verstehen, die eine stärkere amerikanische Identität anstreben, um den handelspolitischen Fallstricken dauerhaft zu entgehen.

Bedenklich wäre lediglich, wenn ein Manager aus der Motivation heraus handeln würde, nicht nur von den niedrigeren Steuern zu profitieren, sondern auch von den abgesenkten Umwelt- und Sozialstandards. Solch eine kurzfristig orientierte Strategie könnte langfristig zum Bumerang werden.

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Ralf Anders partizipiert über ein von ihm betreutes Indexzertifikat an der Aktienentwicklung von Siemens. The Motley Fool empfiehlt Ford.

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