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Royal Dutch Shell: Die Welt braucht (viel) mehr LNG

In einem unglaublich schnellen und wenig bemerkten Umschwung haben sich die weltweiten Handelsvolumina von verflüssigtem Erdgas (LNG) seit 2005 verdoppelt – und der Trend hält an. Die Nachfrage wird weiter steigen, und die Länder, die das Glück haben, viele Erdgasvorräte zu haben, müssen sich ordentlich ins Zeug legen, um Schritt zu halten.

Die Vereinigten Staaten werden bis Ende 2019 über eine LNG-Exportkapazität von 9,5 Milliarden Kubikfuß pro Tag (Bcf/d) verfügen. Damit wird das Land zum drittgrößten LNG-Exporteur der Welt, direkt hinter Australien und Katar. Während das allein schon erstaunlich ist, ist der Aufstieg der USA über Nacht in die Weltrangliste noch unglaublicher: Amerika hatte Anfang 2016 nur 0,8 Bcf/d Exportkapazität.

Nach dem Angebotswachstum in den USA und anderswo zu urteilen, scheint es, als ob der Markt über ausreichend LNG verfügen wird. Aber ein erstaunlicher Branchenausblick, der von Royal Dutch Shell (WKN:A0D94M) veröffentlicht wurde, schlägt Alarm. In diesem Ausblick kam man zu dem Schluss, dass die Welt bald nicht mehr über genügend LNG-Produktion verfügen wird, um die Nachfrage zu befriedigen. Das steht im Widerspruch zu dem, was den Investoren im Laufe der Jahre gesagt wurde.

Ist die Welt wirklich auf dem Weg zu einer LNG-Krise?

Warum Shell einen LNG-Mangel für möglich hält

Länder rund um den Globus importieren aus verschiedenen Gründen LNG –  um umweltschädliche Stromerzeugung aus Kohle zu ersetzen, um die sinkende heimische Erdgasproduktion zu ersetzen, um das geopolitische Risiko zu senken etc. Günstige und reichlich vorhandene Erdgasreserven in Australien und den USA haben den weltweiten LNG-Boom ermöglicht, ebenso wie Milliardeninvestitionen, die vor Jahren schon geplant worden waren.

Royal Dutch Shell ist Mehrheitseigentümer einer schwimmenden LNG-Anlage (FLNG), die über dem riesigen Prelude-Feld in Australien schwebt, das fast 300 Meilen vor der Küste liegt. Cheniere Energy (WKN:580884), Amerikas größter LNG-Exporteur, setzt traditionellere Verflüssigungsanlagen an der Golfküste ein. Tatsächlich verkörpert das Unternehmen die nationalen und globalen Trends der Branche recht gut.

Cheniere machte vor einem Jahrzehnt riesige Investitionen in diesem Bereich. Zwischen 2017 und 2019 wird der größte Teil der Produktionskapazität des Unternehmens (fast die Hälfte der gesamten amerikanischen Produktionskapazität) online gehen, und dann plant das Unternehmen, sich zurückzulehnen und sich des riesigen Cashflows zu erfreuen. Laut Shell ist dieser letzte Teil das Problem, mit dem die globale Industrie konfrontiert ist.

Das beeindruckende Wachstum des weltweiten LNG-Handels, der 2017 293 Millionen Tonnen erreichte, wurde durch Investitionen von Hunderten von Milliarden US-Dollar in den Ausbau des Angebots ermöglicht. Von 2015 bis 2019 wird die Welt jährlich rund 150 Mio. Tonnen Produktionskapazität hinzufügen, davon über 40 Mio. Tonnen jährliche Kapazitätserweiterung in diesem und im nächsten Jahr. Doch danach passiert etwas Merkwürdiges: Die geplanten Kapazitätserweiterungen fallen 2020 und darüber hinaus auf nahezu Null.

Was ist der Grund dafür? Nun, es liegt nicht daran, dass der Bedarf nicht da wäre. Im Gegenteil, Royal Dutch Shell geht davon aus, dass sich die weltweite LNG-Nachfrage bis 2035 wieder nahezu verdoppeln wird. Stattdessen verweist das globale Unternehmen auf eine Pattsituation zwischen den Bedürfnissen zwischen Produzenten und Abnehmern.

Die Abnehmer suchen zunehmend nach kleineren und flexibleren Mengen, um LNG wettbewerbsfähiger für eine wachsende Zahl von Downstream-Anwendungen zu machen, die von der industriellen Nutzung bis hin zu Fahrzeugkraftstoffen reichen. Von 2011 bis 2014 hatte der durchschnittliche LNG-Liefervertrag eine Laufzeit von über 12 Jahren und ein Volumen von über 1,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Von 2015 bis 2017 sind diese Werte auf nur noch sieben Jahre und 0,7 Millionen Tonnen pro Jahr gesunken.

Das Problem ist, dass sich die Produzenten darauf verlassen, dass sie im Vorfeld massive langfristige Verträge abschließen, um die Finanzierung für den Bau von Exportterminals zu sichern. Das liegt daran, dass Exportterminals unglaublich teuer im Bau sind. Die Geldgeber wollen daher Einkommenssicherheit, bevor sie Geld ausgeben. Beispiel: Cheniere Energy möchte sich 4,5 Bcf/d Exportkapazität aufbauen, aber das Unternehmen hatte Ende 2017 langfristige Schulden in Höhe von 25,3 Mrd. US-Dollar.

Glücklicherweise scheint die Pattsituation keine schlechte Nachricht für die Investoren zu sein. Dabei sind die Investoren in jedem Fall die Gewinner.

Ein Segen für das Geschäft?

Während sich die Investoren daran gewöhnt haben, dass Cheniere Energy Lieferverträge mit einer Laufzeit von 15 Jahren oder länger ankündigt, wird dies in Zukunft immer seltener werden. Die gute Nachricht: Amerikas größter LNG-Exporteur wird von der sich verändernden Marktdynamik auf absehbare Zeit weitgehend verschont bleiben. Das liegt daran, dass 85 % der Kapazität des Unternehmens – einschließlich der meisten Erweiterungen, die bis zum Ende des Jahrzehnts online gehen–- in langfristige Verträge geht.

Interessant könnte es werden, wenn bestehende Verträge näher an 2030 auslaufen, aber das ist noch weit entfernt. Die Versorgungskrise, vor der Royal Dutch Shell warnt, wird voraussichtlich Anfang der 2020er Jahre zu einem Problem werden.

Angesichts der Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage kann es sinnvoll sein, dass Cheniere Energy einen bestimmten Teil der Produktionskapazität für Spotmärkte reserviert, wo sich die Preise periodisch verdreifacht haben. Das Unternehmen scheint diese Tür offen gelassen zu haben, denn die Züge des Erweiterungsprojektes Corpus Christi sind kleiner als die von Sabine Pass. Das wäre ein Gewinn für die Investoren, vielleicht mit lukrativen Zusatzeinnahmen unter den richtigen Marktbedingungen.

Das Prelude-FLNG-Projekt von Royal Dutch Shell dürfte auch von den Marktturbulenzen verschont bleiben, da es kleiner und nahe an den am schnellsten wachsenden LNG-Märkten der Welt in Asien liegt. Es gibt so gut wie keine Marktbedingungen, unter denen es nicht sich gut entwickeln könnte.

Kurz gesagt, die sich verändernde Dynamik im globalen LNG-Handel scheint eine dramatische Unterinvestition in neue Kapazitäten verursacht zu haben. Das könnte zu Versorgungsproblemen  führen – vor allem, wenn die Preise durch die Decke gehen, wenn das Produkt knapp wird – und sich auf die Planung und die Investitionen in neue Produktionsanlagen auswirken. Aber Cheniere Energy und Royal Dutch Shell sollten das Schlimmste dieser Konsequenzen vermeiden. In der Realität könnte es sogar ein Segen für das Geschäft sein.

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The Motley Fool besitzt keine der genannten Aktien.

Dieser Artikel wurde von Maxx Chatsko  auf Englisch verfasst und am 03.03.2018 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

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