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Nichts ist wichtiger als die Perspektive

Foto: Pixabay, PublicDomainPictures

Wasser in Flaschen ist extrem teurer als Wasser aus dem Wasserhahn. Aber die meisten Flaschenwasser stehen gar nicht in Konkurrenz zu Wasser aus dem Wasserhahn. Sie konkurrieren mit Limonaden und Tee an den Automaten, Tankstellen und Restaurants. Flaschenwasser hat auch einen vernünftigen Preis verglichen mit Limonaden, besonders wenn man bedenkt, was für ein großer Anteil der Kosten für die Abfüllung, den Vertrieb und das Marketing anfällt, was auch für Flaschenwasser und Limonaden zutrifft.

Ist Flaschenwasser also teuer?

Verglichen mit einer Sache, ja. Verglichen mit einer anderen, überhaupt nicht. Das ist auch der Grund, warum es eine Abzocke und ein Milliardengeschäft ist.

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Bei fast allen Dingen im Finanzsektor ist es dasselbe. Nicht ist einfach und es kommt immer auf die Perspektive an. In seinem Buch How Not To Be Wrong: The Power of Mathematical Thinking, schreibt Jordan Ellenberg, dass „das, was man machen sollte, davon abhängt, wo man sich befindet”. Das ist ein wundervoller Ratschlag für alle, die versuchen, den Sinn in der Finanzwelt zu suchen, wo die ehrliche Antwort fast immer „das kommt drauf an” lautet.

Die Aktienkurse sind hoch, daher könnten die künftigen Gewinne niedrig sein, etwa 3 bis 4 % pro Jahr nach Inflation. Ist das schlecht? Verglichen mit den letzten 80 Jahren, ja. Verglichen mit den unterirdischen Renditen von Bonds oder Bargeld ist das ein Geschenk des Himmels. Es ist eine Sache, sich über die niedrigen Renditen zu beschweren, aber etwas ganz Anderes eine bessere Alternative vorzuschlagen. Charlie Munger hat es mal so ausgedrückt: „Intelligente Leute treffen Entscheidungen, indem sie die Opportunitätskosten abwägen. Es kommt auf die Alternativen an.”

Studiengebühren am College sind schockierend hoch, aber nicht annähernd so hoch, wie ohne Abschluss seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen.

Der S&P 500 befindet sich gerade in einer der besten Siebenjahresphasen seiner Geschichte. Gleichzeitig befindet er sich im schlimmsten Siebzehnjahreszeitraum in seiner Geschichte.

Das durchschnittliche inflationsbereinigte Einkommen eines Haushalts ist heute niedriger als vor 17 Jahren, was echt übel ist. Es ist aber auch mehr als doppelt so hoch wie zum Zeitpunkt als meine Großeltern mein Alter hatten, was erstaunlich ist.

Jeder zweite arbeitende Amerikaner verdient weniger als 35.000 US-Dollar pro Jahr, was schockierend ist. Aber mehr als 35.000 US-Dollar bedeuten, dass man zum obersten 1 % der Welt gehört, selbst nach Anpassung der Lebenshaltungskosten.

Sind die Zinsen gerade wirklich niedrig? Nominell gesehen, ja. Das sind die niedrigsten, die wir jemals hatten. Aber in realen Zahlen (Zinsen minus Inflation) sind sie höher als sie im Zeitraum 1973-1982 waren.

Es kommt alles auf die Sichtweise an.

Die Sichtweise lehrt dich zwei wichtige Dinge über die Finanzmärkte.

Du siehst, was du in etwa kriegst

In der Welt der Finanzen muss man um die Ecke denken können und hinter die Fassade des Bauchgefühls blicken können. Der milliardenschwere Investor Howard Marks hat einmal gesagt:

Das Bauchgefühl sagt: „Das ist ein gutes Unternehmen, die Aktie kaufe ich.”

Die zweite Ebene des Denkens wäre dann zu sagen: „Es ist ein gutes Unternehmen, aber alle halten es für ein großartiges Unternehmen, was es nicht ist. Daher ist die Aktie überbewertet und zu teuer. Ich verkaufe.”

Man sollte immer die Frage stellen „Verglichen mit was? Verglichen mit wem? Verglichen mit wann? Das ist eine gute Möglichkeit, um bessere Entscheidungen zu treffen. Immerhin leben wir in einer Welt, wo der Weg des geringsten Widerstandes uns oft schlechte Entscheidungen treffen lässt. Auf den zweiten Blick sind viele Dinge deutlich schlechter oder deutlich besser als man ursprünglich dachte.

Hier zwei Beispiele. Das wirtschaftliche Wachstum sah in den letzten Jahren niedrig aus, aber es ist eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass auch das Bevölkerungswachstum sich verlangsamt. Die Managementgebühren von Investmentfonds und Indexfonds sind in den letzten zehn Jahren gefallen. Aber wenn die Gewinne auch fallen, dann könnten die Gebühren auch denselben Anteil der Gewinne (oder sogar noch mehr) verschlingen.

Jeder sieht seinen eigenen Film

Persönlicher finanzieller Erfolg ist relativ verglichen mit dem Aufwand, den man hineinsteckt und den Erwartungen, die man für sich selbst gesetzt hat. Sie sind beide für jeden anders. Was dir vielleicht trivial vorkommt, könnte das Wichtigste auf der Welt für jemanden wie mich sein, besonders wenn wir uns an verschiedenen Punkten im Leben befinden – geringe Zinsen sind wunderbar für junge Leute, die Kredite aufnehmen, aber eine Katastrophe für Rentner, die feste Einnahmen brauchen. Wir haben alle einen anderen Standpunkt und daher auch eine andere Perspektive, was erklärt, warum so viele schlaue Leute im Bereich Wirtschaft und Finanzen nicht einer Meinung sein können. Wenn du etwas für verrückt hältst und dich fragst: „Warum passiert das gerade?” Dann ist die Antwort meistens: „Weil jemand mit einer anderen Sichtweise es für sinnvoll hält.”

Die Perspektive hilft dir auch zu erkennen, dass jeder – also auch du – sich an das anfängliche Vergnügen gewöhnen kann, mehr Geld zu haben. Chris Rock hat einmal gesagt: „Wenn Bill Gates mit dem Geld von Oprah aufwachen würde, er würde aus dem Fenster springen.” Du magst vielleicht drüber lachen, aber jeder hat da ein ähnliches Beispiel in seinem Leben. Was die Leute glücklich macht, ist nicht notwendigerweise wie viel sie haben, sondern ob, sie die Kontrolle darüber haben und sich in die richtige Richtung bewegen.

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Dieser Artikel wurde von Morgan Housel auf Englisch verfasst und wurde am 21.07.2016 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

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