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Warum jeder seine eigene Meinung über die Wirtschaft hat

Foto: Pixabay, MichaelGaida

Die Leute sind Politikern gegenüber skeptisch. Skeptisch gegenüber Institutionen. Skeptisch gegenüber allem, was wir bewundern, wie Geld, Manager und Journalisten.

Und wir sind besonders skeptisch gegenüber Wirtschaftszahlen. Erzähle einer Gruppe Leute, dass die Arbeitslosenquote bei 5 % liegt und du wirst erleben, dass ein großer Teil so reagiert, als ob du ihnen ein Märchen erzählst. 57 Prozent aller Amerikaner dachten, dass sich die Wirtschaft 2014 in einer Rezession befindet. Dies geht aus einer Umfrage des NBC/ WSJ hervor. Die Inflation lag 2013 unter 2 %, aber 39 % aller Befragten waren der Meinung, dass sie mindestens 5 % beträgt. 22 % schätzten sogar einen zweistelligen Betrag.

Eine wichtige Frage ist, warum die Leute so skeptisch gegenüber Wirtschaftsdaten sind. Warum gibt es eine so große Abweichung zwischen dem, was berichtet wird, und dem, was Leute glauben?

Eine Antwort ist, dass Verschwörungstheorien niemals verschwinden werden. Aber ein anderer Faktor wird immer bedeutender. Dieser Faktor hilft sowohl bei der Erklärung der Skepsis als auch bei Erklärung des Aufstiegs von Präsidentschaftskandidaten, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wären.

Die meisten Wirtschaftsdaten beziehen sich auf „die Wirtschaft“ allgemein oder im Durchschnitt. Aber niemand lebt in dieser „Wirtschaft“. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Wirtschaft. Und der Unterschied zwischen „dieser“ und „seiner“ Wirtschaft ist heutzutage groß und wächst.

Schau dir diese Statistik von Jim Tankersley aus der Washington Post an.

Während der wirtschaftlichen Erholung Anfang der 1990er verzeichneten 125 Counties die Hälfte aller neuen Unternehmensgründungen der USA. In der letzten Erholung waren es nur 20 Counties, die die Hälfte des Wachstums erwirtschafteten.

Von 2010 bis 2014 verloren Counties mit 100.000 oder weniger Einwohnern mehr Unternehmen, als sie schufen. Trotz einer wachsenden nationalen Wirtschaft und einer sinkenden Arbeitslosenquote. Zum Vergleich erzielten diese Counties während des Aufschwungs Anfang 1992 ein Drittel des neuen Wirtschaftswachstums.

81,2 % aller Counties haben weniger als 100.000 Einwohner. Darin lebt ein Drittel aller US-Bürger. Während der Zeit, als „die Wirtschaft“ um 19 % wuchs, die Arbeitslosenquote auf die Hälfte sank, sich der Aktienmarkt verdoppelte und das Haushaltseinkommen um 39 % anstieg, musste ein Drittel aller US-Bürger erleben, dass „ihre“ Wirtschaft nichts dergleichen tat.

Natürlich sind diese Leute skeptisch gegenüber den Daten. Es liegt nicht daran, dass die Daten manipuliert oder falsch sind. Die Zusammenfassung und der Durchschnitt spiegeln jedoch nicht das wieder, was viele Leute in ihrer eigenen Welt erleben.

Du kannst es auf verschiedene Arten sehen:

  • Die Arbeitslosenquote bei asiatischen Frauen im Alter von 34 bis 44 liegt bei 2,9 %. Bei afroamerikanischen Männern im Alter von 16 bis 17 Jahren beträgt sie 45,1 %.
  • Für jene mit einem Doktortitel liegt die Arbeitslosenquote bei 1,7 %. Leute, die keinen Hochschulabschluss haben, sehen sich einer Quote von 8 % gegenüber.
  • Im Höhepunkt der Rezession 2009 lag die Arbeitslosenquote derjenigen mit Bachelorabschluss nie über 5,3 %. Jene ohne Hochschulabschluss sahen seit über 30 Jahren keine Quote von unter 5,3%.
  • Die inflationsbereinigten Löhne für Männer mit einem höheren Bildungsabschluss haben sich seit den 1960ern fast verdoppelt. Diejenigen ohne Hochschulabschluss mussten einen Rückgang hinnehmen. Für den Rest änderte sich fast nichts.
  • Der Anteil der Männer an den Arbeitskräften sank in 48 der letzten 67 Jahre. Bei Frauen stieg er in 51 von 67 Jahren.
  • Das reichste Prozent aller US-Bürger hat eine um 14,6 Jahre längere Lebenserwartung als das ärmste Prozent der US-Bürger. Diese Lücke ist im Laufe der Zeit größer geworden.
  • Die Arbeitslosenquote für Männer älter als 25 liegt bei 4,1 %. Für verheiratete Männer liegt sie bei 2,7 %.

Wir hatten schon immer eine ungleiche Wirtschaft. Aber die kulturellen und wirtschaftlichen Abstände sind heutzutage größer als während der letzten 60 Jahre. In einem faszinierenden Essay schrieb Paul Graham:

[Vor zwei oder drei Generationen] bekam nicht nur jeder die gleichen Sachen, sondern jeder bekam sie auch zur gleichen Zeit. Es ist schwierig, sich das heute vorzustellen, aber jeden Abend saßen zig Millionen Familien vor dem Fernseher und schauten die gleiche Sendung zur gleichen Zeit an, genau wie ihre Nachbarn. Was nun nur noch beim Super Bowl passiert, fand damals jeden Abend statt. Wir liefen damals praktisch synchron…

Jeder auf dieser Welt wurde als mehr oder weniger gleich angesehen. Nicht nur jene in der Unternehmenswelt, sondern auch diejenigen, die danach streben. Mitte des 20. Jahrhunderts waren das die meisten Leute, die nicht dazugehörten. Die meiste Zeit des 20. Jahrhunderts versuchten die Arbeiter wie die Mittelklasse zu erscheinen. Du kannst das auf alten Fotos sehen. Nur wenige Erwachsene versuchten in den 1950ern, gefährlich auszusehen.

Vor 50 Jahren verdienten diejenigen, die einen Hochschulabschluss hatten, 30 % mehr als jene ohne. Heute sind es 75 %. In seinem Buch Coming Apart zeigt Charles Murray, wie unterschiedlich die Entwicklung verschiedener Gruppen in den letzten 50 Jahren verlaufen ist.

1952 lag der durchschnittliche SAT-Wert (Studienfähigkeitstest) der Studienanfänger von Harvard bei 583. Das war zwar über dem nationalen Durchschnitt, aber nicht außergewöhnlich hoch. Dann kam die Revolution. Bis 1960 sprang der SAT-Wert der Studienanfänger auf 678. Der durchschnittliche Harvardanfänger von 1952 wäre in den letzten 10 % der Anfangsklasse von 1960 gelandet. Heute hat der typische Jahrgang einer Eliteuniversität keine Studenten außerhalb des obersten Dezils der kognitiven Fähigkeiten. Und viele davon sind in den Top Hundert oder Tausend der Verteilung.

Ein weiterer mächtiger Trend kommt noch hinzu. Der Anstieg der Produktion in den USA, der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand, nützte einer Gruppe mehr als der anderen. Weißen Männern ohne Collegeabschluss. Diese waren die glücklichste Gruppe, da sie von hohen Löhnen und sicheren Jobs in der arbeitsintensiven Fertigung profitierte.

Aber diese Jobs – und die demografischen Verhältnisse – mussten in den letzten 40 Jahren harte Schläge einstecken. Die Zahl der Arbeiter in der Fertigung hatte 1979 mit 19,5 Millionen Arbeitern ihren Höhepunkt. Heute sind es noch 12,3 Millionen.

Immer wenn eine ganze Gruppe ihren Anteil schwinden sieht, entwickeln sie im Ergebnis Skepsis gegenüber jedem Bericht, der aussagt, “die” Wirtschaft wächst. Ihre Probleme erscheinen ihnen nämlich weitverbreitet und nicht individuell. Derek Thompson, Autor von The Atlantic, schrieb:

Im Februar 2011 brachte eine Studie von der Washington Post, der Kaiser Family Foundation und der Harvard Universität ans Licht, dass weiße Männer ohne Collegeabschluss besonders negativ auf Amerikas Zukunft schauen. Sie sagten mit der größten Wahrscheinlichkeit, dass Amerikas beste Zeiten vorbei sind, waren am pessimistischsten hinsichtlich der wirtschaftlichen Zukunft und der Meinung, dass harte Arbeit keine Garantie für Erfolg ist.

Sie sind nicht skeptisch weil es ihr Charakter ist oder weil sie an Verschwörungen glauben, sondern weil die Wirtschaft, die sie sehen, so vollkommen anders ist als der Durchschnitt oder die zusammengefassten Zahlen, die von den 20 Counties in die Höhe getrieben wurden, die in den letzten sechs Jahren einen Boom erlebt haben.

Investoren und Ökonomen streiten sich gern darüber, wer Recht hat. Keynesianer gegen Australier, Bullen gegen Bären. Je mehr ich mich in die Debatten einlese, desto mehr erkenne ich, dass die Leute gar nicht über denselben Sachverhalt debattieren. Sie versuchen einfach, die andere Seite davon zu überzeugen, den eigenen Blickwinkel auf die Realität einzunehmen. Wenn der Andere das nicht tut, werden sie frustriert oder sind beleidigt.

Wir alle tun dies in einem gewissen Maße. Es ist aber eine wichtige Fähigkeit eines jeden, der die Wirtschaft verstehen will, zu erkennen, dass jeder seine eigene Sicht auf die Dinge hat und keiner die ganze Sache sieht.

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Dieser Artikel wurde von Morgan Housel auf Englisch verfasst und am 26.05.2016 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

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