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Das Problem mit dem langfristigen Denken

Foto: Pixabay

Menschen verändern sich. Unsere Werte, Ziele und unsere Persönlichkeit verschieben sich ständig. Menschen heiraten und lassen sich wieder scheiden. Liberal erzogene Menschen werden konservativ. Glückliche Menschen bekommen Depressionen. Moden kommen und gehen. Ich selbst habe früher scharfen Senf gehasst. Heute kommt bei mir scharfer Senf auf alles was ich esse.

Die große Pointe ist: Die meisten Menschen denken nicht, dass ihnen so etwas in der Zukunft widerfahren wird.

Vor einem Jahr haben drei Psychologen von der Harvard University, dem National Fund for Scientific Research und der University of Virginia einen wissenschaftlichen Artikel über dieses Thema verfasst. Darin bezeichnen sie dieses Phänomen als „end of history illusion“.

„Die Menschen haben eine fundamental falsche Vorstellung von ihrem zukünftigen Selbst,” schrieben die Autoren. “Die Zeit ist eine starke Kraft, die die Vorlieben der Menschen verändern, ihre Werte umbilden und ihren Charakter neu formen kann. Und wir nehmen an, dass die meisten Menschen die Größenordnung ihrer eigenen zukünftigen Veränderung generell unterschätzen.“

Wir tendieren dazu zu denken, dass Veränderung etwas ist, was in der Vergangenheit stattgefunden hat, aber heute, jetzt im Moment, da haben wir alles verstanden und können einschätzen was passiert.

„Die Menschen erwarten generell, dass sie sich in der Zukunft wenig verändern werden, obwohl sie wissen, dass sie sich in der Vergangenheit sehr viel verändert haben,“ schreiben die Autoren in dem Artikel. „Und es ist diese Tendenz, die die Entscheidungsfindung über in der Zukunft liegende Dinge belastet“

Die Psychologen fragten Gruppen von Menschen gleichen Alters, wie sehr sie sich in den letzten 10 Jahren veränderten und wie sehr sie denken, dass sie sich in Zukunft verändern werden. Dann verglichen sie die Antworten mit den Antworten einer Gruppe, die zur Zeit der Befragung zehn Jahre älter war. Dadurch konnten sie die Größe der „end of history illusion“ abschätzen. Und sie ist ziemlich groß:

end of history illusion

Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir wie wichtig diese Illusion in Bezug auf Geld und das richtige Investieren ist.

In jedem guten Ratgeber wird einem erklären, dass man als Anleger auf lange Sicht investieren sollte. Fang an für deinen Ruhestand zu sparen bevor du 30 bist. Spar für die Ausbildung deiner Kinder während sie noch jung sind. Spar deine Anzahlung an, lange bevor du das Haus kaufst. So erreicht man seine Ziele. Entsprechend sind diese Ratschläge unverzichtbar,

Wie aber legt man seine Ziele für die Zukunft fest, ohne zu wissen was man in der Zukunft wollen könnte?

Ich kenne Menschen, die absichtlich wenig Geld verdienen und ein einfaches Leben ohne materielle Dinge leben. Ihre Persönlichkeit verlangt nach mehr Freiheit und Freizeit anstatt nach Reichtum und Luxus. Und das ist gut für sie! Pleite oder nicht, sie leben ein sehr glückliches Leben.

Aber wenn man sich die “end of history illusion” anschaut, kann man leicht erkennen, dass eine solche Einstellung katastrophal enden kann.

Vielleicht denkst du in deinen 20ern, dass du für immer mit einem kleinen Budget klarkommen wirst und keine Rücklagen brauchst. Dann bist du plötzlich über 30 und hast Kinder und stellst auf einmal fest, wie lächerlich der Gedanke war. Vielleicht bist du über 40, voller Energie und liebst deinen Job. Du denkst gar nicht über deinen Ruhestand nach, weil du glaubst, dass du niemals aufhören wirst zu arbeiten. Doch dann bist du plötzlich über 60 und dein Rücken tut dir weh und du möchtest deine Enkelkinder viel häufiger sehen.

In beiden Fällen sind deine zukünftigen Werte und Ziele schwerer zu erreichen, weil deine Werte und Ziele der Vergangenheit so anders waren. Und selbst wenn du heute eine großartige Entscheidung triffst, dann kann ein Mangel an Erspartem und die Missachtung der eigenen Karriere deinem zukünftigen Ich großen Schaden zufügen. Wenn man nicht weiß, nach was man in der Zukunft verlangt, dann wird das Pläneschmieden für die Zukunft sehr schwierig.

Das Ganze hat übrigens zwei Seiten. Stell dir jemanden vor, der alles gibt um zu sparen und zu investieren, weil er in Zukunft einen teuren Lebensstil finanzieren möchte, an den er sich gewöhnt hat. Doch Jahrzehnte später stellt er fest, dass er gar nicht so viel gebraucht hätte, um glücklich zu sein. Mehr Geld zu haben als man braucht ist ein Luxusproblem, aber sein Leben lang wie ein Sklave zu arbeiten, um Geld für eine Zukunft zur Seite zu legen, die man plötzlich nicht mehr will, ist eine verheerende Erfahrung. Für sein Buch 30 Lessons for Living — 30 Lektionen für das Leben — hat der Gerontologe Karl Pillemer 1.000 Senioren in den USA interviewt. Er berichtet:

Niemand — nicht eine einzige Person der 1000 — sagte, dass man um glücklich zu sein so hart wie möglich arbeiten sollte, damit man sich die Dinge kaufen kann, die man haben will.

Niemand — nicht eine einzige Person der 1000 — sagte, dass es wichtig wäre, zumindest so wohlhabend zu sein wie die Menschen um einen herum, und dass es ein Erfolg wäre, mehr als sie zu besitzen.

Niemand — nicht eine einzige Person der 1000 — sagte, dass man seine Arbeit nach dem potentiellen Gehalt in der Zukunft aussuchen sollte.

Die natürliche Antwort von jungen Menschen, wenn sie diese Sätze lesen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit „Unsinn!“. Je jünger man ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man glaubt, dass Geld der Schlüssel zum Glück ist. Das ist der Grund, warum es meiner Erfahrung nach vor allem 20 jährige Jungen auf dem College sind, die ins Investmentbanking gehen wollen. Und auch weshalb wir in unseren 30ern und 40ern wie Maschinen arbeiten. Aber Pillemers Buch zeigt auf, dass diejenigen mit der höchsten Lebenserfahrung denken, dass das verrückt ist. Nicht, dass älteren US-Amerikanern Geld unwichtig wäre. Aber sie wünschten sich, sie hätten ihr Leben in Jobs verbracht, die ihnen mehr Spaß gemacht hätten und mit denen sie einen wichtigeren Zweck hätten verfolgen können. Und wieder zeigt sich: Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Dingen die man sich als junger Mensch vornimmt und jenen, von denen man im Alter meint, dass man sie sich hätte vornehmen sollen. Und das macht das Formulieren langfristiger Ziele so kompliziert.

Ich kenne die Antwort zu diesem Problem nicht. Keines der Psychologie-Bücher, die ich gelesen habe, hatte eine Lösung parat. Vielleicht ist es eine gewisse Balance und das Vermeiden von extremen Zielen in beiden Richtungen. Vielleicht ist es Flexibilität und die Möglichkeit, schnell seine Ziele zu ändern wenn man feststellt, dass man sich als Person verändert hat. Aber ich denke, dass der erste Schritt darin bestehen sollte, zu akzeptieren, dass anstelle dessen was auch immer du heute willst, du in Zukunft etwas ganz anderes wollen wirst.

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Dieser Artikel wurde von Morgan Housel auf Englisch verfasst und wurde am 7.10.2014 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

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