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Schreckgespenst kalte Progression: Was Anleger jetzt konkret tun können

Geldscheine fliegen aus Geldbeutel
Foto: Getty Images

Die kalte Progression ist wieder in aller Munde, obwohl selbst Experten sie oft nicht richtig verstehen. Rufe an die Politik werden laut, etwas dagegen zu tun. Aber wenn sie etwas tun will, starten unmittelbar neue Diskussionen, wer von den vorgeschlagenen Maßnahmen am meisten profitiert.

Will etwa Finanzminister Lindner vor allem wieder die Reichen entlasten? Und ist es nicht sogar gut, dass der Staat jetzt mehr Geld bekommt, um damit mehr Sozialprogramme finanzieren zu können?

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Es ist kompliziert. Aber wenn wir das Problem an der Wurzel packen wollen, sollten wir es zunächst richtig verstehen – um im Anschluss selbst Maßnahmen zu ergreifen, die die Folgen der kalten Progression mildern.

Die kalte Progression und die vielen Missverständnisse

Seit vielen Jahren geistern immer wieder die gleichen falschen Aussagen zur kalten Progression durch die Presse. Es scheint seine Wirkung in den Köpfen der Adressaten zu entfalten, fast wie russische Propaganda.

Bei meiner ersten Arbeitsstelle hat mir einer meiner Chefs zum Jahreswechsel eine Gehaltserhöhung angeboten, sagte aber dazu, dass er zuvor erst noch durchrechnen wolle, ob sich das für mich netto lohne – „wegen der kalten Progression“. Ich habe ihn ausgelacht (ein bisschen zumindest; die Gehaltserhöhung habe ich trotzdem bekommen).

„Warum soll sich die Arbeitnehmerin anstrengen?“

Das erste Missverständnis ist folglich, dass es sich nicht lohnen würde, sich anzustrengen, um eine Gehaltserhöhung fordern zu können. Denn ein höheres Bruttogehalt führt zu einem höheren Nettogehalt. Immer. Das ist Mathematik.

Der Steuertarif ist eine geknickte Linie. Nach rechts auf der X-Achse sieht man die Höhe des Gehalts und nach oben den zugehörigen Prozentsatz für die Einkommensteuer. Man könnte meinen, dass man daran direkt seinen persönlichen Steuersatz ablesen könnte. Aber der Steuertarif ist keine simple Funktion, sondern eher ein Integral.

Das heißt, dass man alle Steuervergünstigungen für das bisher verdiente Gehalt behält. Nur das zusätzliche Gehalt unterliegt dem höheren Satz. Es lohnt sich also, sich anzustrengen!

„Schuld ist der progressiv ansteigende Steuertarif“

Diese Aussage ist irreführend oder sogar schlicht falsch. Das Ansteigen der Kurve hat nur wenig mit der kalten Progression zu tun. Selbst wenn sie flach wäre, gäbe es kalte Progression. Wenn sie flach wäre, würde sofort der Spitzensteuersatz auf zusätzlich verdiente Euros anfallen, die Vergünstigungen im Klein- und Normalverdienerbereich würden wegfallen.

Entscheidend ist allerdings etwas anderes, nämlich die Höhe der Freibeträge, die von der Bemessungsgrundlage abgezogen werden. Im Bereich der Freibeträge liegt der Steuertarif bei 0 %, was den Durchschnittssatz für Klein- und Normalverdiener erheblich reduziert. Erst Großverdiener mit sechs- oder siebenstelligen Gehältern nähern sich dem Spitzensteuersatz.

„Millionen Normalverdiener bezahlen den Spitzensteuersatz“

Wer in diesem Jahr alleinstehend mehr als 58.597 Euro verdient, der kommt in den Bereich des Spitzensteuersatzes. Damit ist man noch kein Großverdiener. Deshalb kommt immer wieder die Kritik auf, dass Normalverdiener besonders geschröpft werden. Aber das geht am Thema vorbei.

Normalverdiener profitieren genauso wie Groß- und Kleinverdiener von den vorgenannten Vergünstigungen, dem Abfallen der Tariflinie nach links und den Freibeträgen. Die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ ist kein besonderes Opfer der kalten Progression.

Die wahre Ursache der kalten Progression und was Anleger dagegen tun können

Was die kalte Progression verursacht

Wenn meine Gehaltserhöhung brutto exakt die Kaufkraftentwertung ausgleicht, dann drohen netto Kaufkrafteinbußen. Bisher hatte ich vielleicht einen persönlichen Durchschnittssatz von 20 %, während die neu hinzukommenden Euros mit 40 % besteuert werden, sodass der neue Durchschnittssatz auf vielleicht 21 % klettert. Von den restlichen 79 % kann ich mir weniger kaufen als von den früheren 80 %, als Preise und Gehalt nominell gleichermaßen niedriger waren.

Vor allem unterjährig lässt sich dagegen wenig ausrichten. Der Staat hat allerdings die Möglichkeit – manche würden auch sagen, die Pflicht –, für einen Ausgleich zu sorgen. Das einfachste und effektivste Mittel besteht in einer an die Inflation angelehnten Erhöhung der Freibeträge bzw. eine Rechtsverschiebung des gesamten Steuertarifs.

Was man selbst gegen die kalte Progression tun kann

Irreführend ist auch, dass der Kaufkraftverlust oft als absolute Größe dargestellt wird. Dabei ist es keineswegs so, dass wir 8 % weniger Güter kaufen können, wenn die Inflation 8 % beträgt. Es ist ein statistischer Durchschnittswert, der sich auf einen fixierten Warenkorb bezieht. Aber wer zwingt uns, diesen behördlich definierten Warenkorb zu kaufen?

Wenn bestimmte Konsumgüter teuer sind, können wir den Verbrauch vermeiden oder zumindest reduzieren – und dafür mehr Dinge kaufen, deren Preise unterhalb der Inflationsrate steigen (oder sogar fallen). Schießen die Paprikapreise hoch, dann kaufe ich eben billige Zucchini, oder andersherum.

Hält man die Augen offen, dann kann man viele Inflationsfallen umschiffen. Der persönliche Kaufkraftverlust fällt so folglich niedriger aus als die offizielle Inflation.

Warum Aktien die kalte Progression mildern können

Das Gute an Aktien ist, dass sie einen Inflationsschutz eingebaut haben. Steigen die Preise, dann machen Unternehmen beim gleichen Absatzvolumen mehr Umsatz. Gelingt es gleichzeitig, die Margen stabil zu halten, dann werden die Gewinne und damit letztlich auch die Aktienkurse steigen.

Man kann das schön am türkischen Aktienmarkt sehen. „Dank“ der außerordentlich hohen Inflationsraten boomt die Börse in Istanbul, gerechnet in Lokalwährung. Der Borsa Istanbul 100 Index hat sich innerhalb der letzten drei Jahre verdreifacht.

Dieser Leitindex enthält viele Unternehmen, die kaum Probleme haben, steigende Kosten an ihre Kunden weiterzureichen. Das sind zum Beispiel Einzelhändler, Mobilfunkunternehmen oder Banken.

Es gilt folglich, zunächst eine Gehaltserhöhung anzustreben und durch geschicktes Umschichten der Ausgaben die Sparrate weitgehend zu bewahren. Im nächsten Schritt machen wir uns auf die Suche nach guten Unternehmen, um starke Renditen zu kassieren, die mit der Inflation mitwachsen. Dann verliert die kalte Progression ihren Schrecken.

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