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Das Märchen von den ewigen Engpässen

Containerhafen am Fluss mit Sonnenuntergang
Foto: Getty Images

Schon seit einigen Monaten klagen nicht nur Autohersteller darüber, dass bestimmte Halbleiterbausteine nicht beschaffbar seien. Die Situation zieht sich mittlerweile durch ganze Wertschöpfungsketten. Sie ist so schlimm, dass vielerorts die Bänder stillstehen müssen und erste Insolvenzen gemeldet werden. Gleichzeitig überschlagen sich die Prognosen, wie lange dieser Zustand noch anhält.

„Bis Ende 2022“, schätzt zum Beispiel Ford-CEO Jim Farley und bei Daimler erwartet man sogar erst 2023 Entspannung. Bei Gartner glauben einige Analysten sogar, dass manche Komponenten auch 2024 noch besonders knapp sein werden.

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Ich denke, hier sind Zweifel angebracht.

Hersteller von Endprodukten haben ein Interesse an diesem Narrativ

Es liegt im natürlichen Interesse der großen Hersteller, ihr Lieferanten zu verstärkten Investitionen zu ermutigen. Je größer deren Kapazitäten, desto eher lassen sich später Preissenkungen durchdrücken.

Wenn nun alle davon überzeugt wären, dass schon Anfang 2022 wieder fast alles normal laufen wird, dann würde fast niemand Geld in die Hand nehmen, um mehr produzieren zu können. Unter dem Eindruck hingegen, dass die lukrative Lage noch bis zu zwei Jahre anhalten könnte, sind Zulieferer sicherlich eher gewillt, aufzurüsten.

Kommt es doch anders, dann freuen sich nicht nur die Autobauer über einen Käufermarkt. Sie würden also in jedem Fall gewinnen. Und das will auch eine zweite Gruppe, die mit dem Schlamassel zu tun hat.

Die Rolle der gut informierten Zwischenhändler

Auch wenn das Ausmaß überrascht, hatte es doch deutliche Anzeichen für erhebliche Störungen in den globalen Lieferketten gegeben. Sowohl die Blockade im Suezkanal als auch die coronabedingte temporäre Schließung wichtiger Häfen in Asien waren Alarmzeichen. Im Juni gingen mehrfach Meldungen durch die Wirtschaftspresse, dass der Stau beim Yantian-Hafen von Shenzhen üble Folgen haben könnte.

Wer dort gut informiert war, schlau kombinierte und über die nötigen Ressourcen verfügte, für den gab es großartige Geschäftsmöglichkeiten. Mit dem Horten von essenziellen Bauteilen zum richtigen Zeitpunkt hat sich der ein oder andere Zwischenhändler eine goldene Nase verdient. Gleichzeitig haben viele Unternehmen ihre Lager mehr als normal aufgefüllt, wann immer sie die Gelegenheit dazu hatten.

All das wird sich jedoch möglicherweise schon bald auflösen. Irgendwann müssen die gehorteten Sachen ja liquidiert werden. Dass man damit bis 2023 wartet, halte ich für unwahrscheinlich.

Die Nachfrage in relevanten Produktkategorien könnte bald zurückgehen

Denn auch der schlauste Zwischenhändler kann sich nicht sicher sein, wie lange dieser Reibach noch anhält. Vielleicht kommen wir schon kurz nach Weihnachten an einen Punkt, wo die Menschen genug davon haben, Sachen zu kaufen und sich wieder mehr den Erlebnissen zuwenden.

Der renommierte Ökonom Paul Krugman hat es in einem kürzlichen CNN-Interview gut zusammengefasst. Er sagt, dass die Menschen unter dem Eindruck der COVID-19-Beschränkungen das Bedürfnis hatten, unglaublich viele Dinge zu kaufen: Heimtrainer statt Fitnessstudio, Spielkonsole statt Veranstaltungen, Küchenmaschine statt Restaurant. All das würde nun jedoch abflauen im Zuge der weitgehenden Rückkehr zur Normalität.

Kaum ein Analyst habe die Verwerfungen in den Lieferketten in diesem Ausmaß vorhergesehen. Es sei unrealistisch, dass sie nun genau sagen könnten, wann es wieder vorbei sein wird. Die globalisierte Wirtschaft sei im Grunde robust und lediglich temporär überwältigt von dem veränderten Nachfrageverhalten. Sie könne sich schneller anpassen, als nun vielfach prophezeit wird.

Anleger sollten auf beide Szenarien gefasst sein

Trotz alledem ist nicht auszuschließen, dass Ford und Daimler doch recht haben. Das wäre schlecht für den Absatz, aber gut für die Margen. Denn Knappheit treibt die Preise. Damit stiegen auch die Inflation und das Zinsniveau weiter, wovon zum Beispiel Banken profitieren würden.

Falls sich die hier aufgeführten Argumente allerdings als stichhaltig erweisen und die Engpässe sich viel früher auflösen, dann könnte die Lage sogar in Überkapazitäten und fallende Preise umschlagen. In diesem Fall wird wieder vieles billiger und uns bleibt mehr Geld zum Beispiel für Erlebnisse außer Haus übrig. Dann werden ganz andere Aktien zu den Gewinnern gehören.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool empfiehlt Gartner.

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