The Motley Fool

Ist das der wahre Grund für die Allzeithochs an den Börsen?

Foto: Getty Images

Vor kurzem habe ich noch argumentiert, warum ich für den amerikanischen Aktienmarkt maximal sehr dürftige langfristige Renditen vom heutigen Niveau aus erwarte. Es gibt allerdings ein sehr gutes Argument gegen meine Schlussfolgerung. Ein Argument für noch viel höhere Renditen.

Mir gefällt das Argument nicht. Es hat nichts mit fundamentalem Investieren zu tun. Ebensowenig hat es mit Zentralbanken zu tun, die schnell als die Schuldigen für den aktuellen irrationalen Überschwang an den Börsen ausgemacht werden (auch schon von mir).

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Dennoch repräsentiert es die Realität. Deshalb sollte man das Argument nicht ignorieren. Es kommt mal wieder von einem gewissen Mike Green, den ich in der Vergangenheit hin und wieder zitiert habe.

Wie das passive Investieren laut Green die Börse beeinflusst

Aktienkurse werden wie in jedem Markt von Angebot und Nachfrage beeinflusst. Das hat schon Benjamin Graham in The Intelligent Investor geschrieben.

Wird eine Aktie als überbewertet eingestuft, steigt das Angebot und sinkt die Nachfrage. Damit sinkt der Preis, und der Aktienkurs tendiert in Richtung fairer Bewertung. Wird eine Aktie als unterbewertet eingestuft, passiert das Gegenteil.

So sollte es sein. Die Voraussetzung für diesen Mechanismus ist allerdings, dass die meisten Anleger ihre Kauf- und Verkaufsentscheidungen aufgrund fundamentaler Analyse fällen.

Das trifft heute allerdings nicht mehr zu. Schon Ende 2017 schätzte JPMorgan, dass nur noch 10 % des Handels an der amerikanischen Börse von fundamental getriebenen Investoren kommt. 60 % des Handels kämen hingegen von passiven und quantitativ gesteuerten Investoren.

In einem aktuellen Podcast präzisierte Green diese Zahl. Laut seiner Angaben wird der Börsenhandel bereits heute mehrheitlich von passiven Investoren bestimmt – konkret zu 53 %.

Passiven Anlegern sind die Aktienkurse egal. Sie kaufen einfach, wenn sie Geld haben. Solange also passive Anleger netto investieren, treiben sie die Aktienkurse nach oben – ganz egal, ob eine Aktie zum 10-Fachen des Umsatzes des Unternehmens bewertet wird oder zum 100-Fachen (davon sind Aktien einiger bekannterer Tech-Unternehmen gar nicht mehr so weit entfernt).

Warum das noch viel weiter gehen kann

Vor einem Monat habe ich gezeigt, warum ich besonders den amerikanischen Aktienmarkt für sehr hoch bewertet halte. Allerdings kann man durchaus erwarten, dass das Ende der Fahnenstange noch (lange?) nicht erreicht ist.

Denn wer sind die passiven Investoren? Das ist besonders die Millennial-Generation. Und diese Generation steht gerade erst am Anfang ihres produktiven Lebensabschnitts. Diese kann daher noch sehr, sehr lange ein Nettokäufer von Aktien sein.

In anderen Worten: In den kommenden Jahren dürften passiven Investmentfonds eher immer mehr Mittel zufließen als abfließen. Das kann die Aktienkurse noch lange weitertreiben, ganz unabhängig davon, was mit der Wirtschaft passiert.

Wie weit das gehen kann, dazu hat Green auch eine mathematisch begründete Meinung. Angenommen, irgendwann wird der Handel an der Börse nur noch zu 0,01 % von fundamental orientierten Anlegern bestimmt. In diesem Fall kann das laut Green noch zu einer Verfünfzigfachung der Aktienkurse vom heutigen Niveau aus führen.

Klingt aberwitzig. Wäre es auch. Aber so hätte vor nicht einmal zwei Jahrzehnten auch die Behauptung geklungen, dass man in nicht allzu ferner Zukunft eine Regierung für das Privileg bezahlen müsse, ihr einen Kredit geben zu dürfen. Heute ist das vielerorts Realität.

Wie das Ganze enden könnte

Die Voraussetzung für eine Fortsetzung dieser Entwicklung in den kommenden Jahren ist, dass passiven Anlageinstrumenten weiterhin mehr Kapital zu- als abfließt.

Aber wehe, das ändert sich.

Schon heute wird das Handelsgeschehen zumindest in den USA mehrheitlich durch passive Anleger bestimmt. Man stelle sich vor, der Anteil steigt von 53 % auf 60 % oder 75 %. Solange weiter Geld zufließt, stellt das kein Problem dar.

Was aber, wenn das passive Investieren so dominant ist, und auf einmal entscheiden sich diese Anleger, dass sie mehr verkaufen als kaufen wollen? Wer sollen dann die Käufer sein? Was wir im vergangenen März erlebt haben, könnte im Vergleich dazu eine Kleinigkeit sein.

Als fundamental orientierter Anleger würde ich mich auf diesen Tag sehr freuen. Sollten uns die Zentralbanken nicht zuvorkommen und den Markt vor einer Normalisierung der Aktienkurse retten.

Was das alles für uns bedeutet

Die große Frage am Ende ist immer, welche Auswirkungen solche Erkenntnisse oder Hypothesen auf uns haben. Sollten wir deswegen unser Anlageverhalten ändern?

Nein, das glaube ich nicht.

Aber die Erkenntnis, dass diese vermeintlichen Verzerrungen tatsächlich nicht so schnell vorbei sein müssen, kann uns durchaus dazu ermutigen, kontinuierlich weiter zu investieren. Es könnte also wirklich in die Hose gehen, immer auf besonders attraktive Schnäppchen zu warten.

Es bedeutet aber nicht, dass wir trotzdem jedes Unternehmen um jeden Preis kaufen müssen. Man muss zwar leider etwas länger nach einer Aktie eines sehr guten Unternehmens mit einer ansprechend hohen erwarteten Rendite suchen. Aber es gibt sie noch.

Man hat daher durchaus noch Chancen, attraktive Renditen mit Aktien zu erzielen, ohne darauf setzen zu müssen, dass die passiven Anleger die Kurse in den kommenden Jahren in noch mehr aberwitzige Höhen schrauben.


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