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Volkswagens kommendes Betriebssystem vw.os: Goldesel oder Milliardengrab?

Was will Volkswagen (WKN: 766403) mit vw.os, dem Betriebssystem für die zukünftigen Automodelle des Konzerns? Es wirkt auf den ersten Moment wie ein riskanter Schritt, könnte aber andererseits die Initialzündung für den Digitalerfolg der Wolfsburger sein. Vom Ausgang dieser Initiative hängt eine Menge ab für das Unternehmen und seine Aktionäre, weshalb wir zumindest den Versuch machen sollten, sie zu verstehen.

Ein Betriebssystem also

Ich muss sagen, als ich zum ersten Mal von vw.os gehört habe, bin ich etwas zusammengezuckt. Schließlich sind schon ganz andere mit angeblich revolutionären Betriebssystemen auf die Nase gefallen. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an die OS/2-Warp-Kampagne von IBM (WKN: 851399) von 1994? Das ist längst Geschichte, genauso wie Nokias Symbian OS, Windows Mobile und viele andere. Auch freie Linux-Systeme haben sich nie in der Breite durchgesetzt, sodass der Markt letztlich von den drei bekannten Spielern beherrscht wird.

Betriebssysteme erzeugen starke Netzwerkeffekte, die nur wenige Gewinner zulassen. Eine ausreichende Anzahl von Entwicklern für ein neues System zu begeistern ist eine Herkulesaufgabe, vor der aktuell die unter Beschuss stehende Huawei steht und möglicherweise zukünftig auch Volkswagen.

Wenn man dann noch bedenkt, dass andere Autobauer dem Beispiel folgen könnten, dann haben wir bald einen Salat aus daimler.os, renault.os, hyundai.os und gm.os. Das kann ja dann auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Aber vielleicht muss man auch etwas anders über diese Initiative nachdenken.

Die Potenziale liegen woanders

Auch wenn Volkswagen einer der mächtigsten Konzerne auf dieser Welt sein mag und viele Milliarden investieren will, wäre es völlig aussichtslos, in den allgemeinen Betriebssystemmarkt einzugreifen. Aber darum geht es nicht. Vielmehr fangen die Überlegungen im verkabelten Boden eines Autos an, also da, wo sich die Wolfsburger besser auskennen als das ganze Silicon Valley zusammen.

Dort unten im Fahrzeug herrscht das Chaos. Dutzende Module mit Microcontroller und eigener Steuerungssoftware der unterschiedlichsten Zulieferer müssen irgendwie koordiniert werden, damit alles funktioniert und die Betriebssicherheit jederzeit gewährleistet ist. Was vor einigen Jahren noch beherrschbar war, gerät nun durch den immer höheren Halbleiter- und Digitalanteil aus dem Ruder. Das Aufspielen von Updates in diesem Umfeld ist der blanke Horror für Software-Entwickler.

Zudem verändert sich die Rolle des Autos für viele Konsumenten. Es reiht sich zunehmend ein zwischen Smartspeaker, Smartwatch und Smart-TV. Als „Smartphone auf Rädern“ empfängt es Satellitensignale, kommuniziert mit der Cloud und interagiert mit seiner Umgebung. Eine Software-Architektur, die sich lediglich auf das Auto selbst fokussiert und außerdem sehr schwer aktualisiert werden kann, ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Anstatt die vorhandenen Standards (Stichwort AUTOSAR) verteilt auf Modulebene von den Zulieferern implementieren zu lassen, könnte vw.os also die Grundfunktionalität zentralisiert bereitstellen. Damit würde sich nicht nur die Entwicklungsarbeit aller Beteiligten vereinfachen, sondern dank des stabilen Gerüsts auch der Update-Prozess. Darüber hinaus kann vw.os dafür sorgen, Funktionalität. die aus der Cloud und anderen externen Quellen kommt, besser in das Gesamtsystem einzubinden, wovon sicherlich auch die digitalen Mobilitätsdienste des Konzerns profitieren würden.

Eine große Chance

Wenn es dem nun explosiv wachsenden Entwicklerteam gelingt, die schlimmsten Fettnäpfchen und Pannen zu vermeiden (das soll bei Software-Großprojekten vorkommen …), dann wird vw.os sicherlich seinen Weg gehen. Die Frage ist dann eher, ob es lediglich dazu beiträgt, die Margen stabil zu halten, oder ob durch das Betriebssystem ein neuer Goldesel entsteht.

Meiner Einschätzung nach wird es primär ein Baustein sein, der den Konzern mit seinen zahlreichen Marken in der Erfolgsspur hält, indem es den Transformationsprozess auf verschiedenen Ebenen unterstützt. Ähnlich wie Siemens (WKN: 723610) erfolgreich dabei ist, mit MindSphere das Betriebssystem für die Industrie 4.0 zu schaffen und sich somit an der Branchenspitze zu halten, sollte es mit vw.os gelingen, die Führungsrolle in der Automobilbranche zu festigen – das ist vielleicht nicht wahnsinnig spektakulär, aber es hilft, die Gewinnmaschine insgesamt am Laufen zu halten.

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Ralf Anders partizipiert über ein von ihm betreutes Indexzertifikat an der Aktienentwicklung von Siemens. The Motley Fool hat eine Shortposition auf Aktien von IBM und besitzt die folgenden Optionen: Short Januar 2020 $200 Puts auf IBM und Long Januar 2020 $200 Calls auf IBM.