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Der krasse 28-Prozent-Hüpfer: Das thyssenkrupp-Strohfeuer unter der Lupe

Bild: © ThyssenKrupp Steel Europe

Unfassbar! Nach einer langen Leidenszeit dürfen Aktionäre von thyssenkrupp (WKN:750000) ein kleines Freudenfest feiern: Mit einem Plus von 28 % ging es ins Wochenende. Anstatt den Tata-Deal mit der Brechstange durch die Aufsichtsgremien zu bekommen, werden nun Alternativen zur Neuausrichtung der Strategie ausgelotet. Deshalb bin ich der Frage nachgegangen, was dahintersteckt und ob es für mehr als ein Strohfeuer taugt.

Zurück auf Los

Noch vor zwei Monaten habe ich die Frage gestellt, ob der Zeitpunkt, bei thyssenkrupp einzusteigen, endlich gekommen sei. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass man aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten rund um BREXIT und Konjunktur durchaus noch eine Zeitlang auf günstigere Kurse warten kann. Die kamen ja auch tatsächlich in den letzten Wochen. Von damals 12,35 Euro ging es weitere 9 % runter auf 11,21 Euro.

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Aber dass bereits im Mai eine solche Kursexplosion möglich ist, damit hätte ich kaum gerechnet. Über 14 Euro standen zum Schluss auf dem Kurszettel. Dabei dürfte das derzeitige Handelskrieg-Gerassel nicht gerade förderlich für solch einen Industriekonzern sein. All das interessierte an diesem Tag aber nicht. Entscheidend war die Ad-hoc-Meldung darüber, dass es mit dem Tata-Deal in der gewünschten Form wohl nichts wird und man auch nicht gewillt sei, übermäßige Zugeständnisse zu machen.

Im Zuge dessen sollen auch sämtliche strategischen Optionen noch einmal auf den Tisch kommen, was den Anlegern offenbar gut gefiel.

Eine neue Strategie

Der durchaus elegante Teilungsplan, wo der eine Teil Engineering-lastig aufgestellt werden und der andere die Stahllieferkette abdecken sollte, sei nun hinfällig. „Die konjunkturelle Eintrübung und deren Auswirkungen auf die geschäftliche Entwicklung sowie das aktuelle Kapitalmarktumfeld führen dazu, dass die Teilung nicht wie vorgesehen dargestellt werden kann“, hieß es dazu vom Management. Das heißt, man glaubt nicht mehr daran, eine spannende Börsenstory verkaufen zu können.

Stattdessen wurde eine alte Forderung aus Aktionärskreisen wieder aufgegriffen: der Börsengang der Sparte Elevator Technology, die vor allem mit Schindler (WKN:A0JEHV), Otis (Börsengang geplant) und Kone (WKN:A0ET4X) um die Spitzenposition in den verschiedenen Teilsegmenten rund um Aufzüge und Rolltreppen konkurriert. Wenn man bedenkt, dass Schindler aktuell eine Marktkapitalisierung von 22 Mrd. Schweizer Franken (19,6 Mrd. Euro) aufweist, gegenüber gerade einmal 8,7 Mrd. Euro (Stand 10.05.) für den viel größeren Gesamtkonzern thyssenkrupp, dann versteht man, warum diese Idee für viele so reizvoll ist.

Wenn thyssenkrupp sich dann noch dafür entscheidet, für den Börsengang neue Aktien auszugeben, dann könnte es auch endlich gelingen, die Bilanz so zu stärken, wie es notwendig wäre, um die Herausforderungen der Zukunft aktiv mitgestalten zu können. Schließlich entfallen nun die erwarteten Buchgewinne aus dem Tata-Deal, und ein Bußgeld wegen mutmaßlichen Kartellabsprachen wird ebenfalls die Liquidität und das Eigenkapital belasten.

Auch für die übrigen Konzernteile werden die Optionen durchgespielt. Vom Großaktionär Cevian wurden sogleich Forderungen laut, dass nun eine fundamentale Neuausrichtung ohne Tabus notwendig sei.

Was ich daraus mache

Es ist also wieder vieles in Bewegung, aber so richtig nachvollziehen kann ich die Euphorie vom Freitag nicht. Der Tata-Deal und die Aufteilung in zwei Einheiten, das war aus meiner Sicht ein guter Plan. Dass das ganze Gezerre um eine neue Strategie nun von Neuem losgeht, mag mir nicht so recht gefallen. Eine weitere Zeit der Unsicherheit steht an und gleichzeitig bremst die schwächelnde Weltkonjunktur möglicherweise das Wachstum aus.

Statt erneuten radikalen Schnitten fände ich eine gezielte Weiterentwicklung besser. In diesem Konzern gibt es schließlich neben den Aufzügen noch zahlreiche weitere spannende Geschäftsbereiche, darunter das Automatisierungs-Know-how rund um die Batteriefertigung, jede Menge Technik zur Erzeugung und industriellen Nutzung von Wasserstoff und gigantische Komponenten für Windkraftanlagen. Es sind sehr unterschiedliche Kompetenzen, die sich allerdings häufig um gemeinsame Themen wie Automotive oder Energie drehen.

Deshalb würde ich nicht vorschnell den integrierten Ansatz aufgeben wollen. thyssenkrupp ist ein Technologiekonzern, der große komplexe Lösungen rund um Energiewende und Industrie 4.0 realisieren kann wie nur wenige andere. Er verbindet Material-Know-how, Engineering-Kompetenz, Großanlagenbau und Schlüsselkomponenten aus einer Hand. Da steckt schon Potenzial drin, das muss nur noch besser organisiert und kommuniziert werden.

Wenn mit dem nun geplanten Elevator-Börsengang auch noch ordentlich Geld in die Kassen gespült wird, dann könnte thyssenkrupp endlich wieder mit Nachdruck seine Wachstumschancen ergreifen. Solange sich die Verantwortlichen jedoch nicht über einen gemeinsamen Weg einigen können, würde ich auf dem aktuell wieder etwas erhöhten Niveau weiterhin abwarten. Der große Turnaround ist das aller Voraussicht nach noch nicht.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien.

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