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Darum ist Flug-Shaming eine reale Gefahr für die Lufthansa-Aktie

„Warum bist du mit dem Flugzeug geflogen, Papa? Auf der Strecke gibt es doch den schnellen Zug“, könnte es viel reisenden Berufstätigen in Zukunft bei der Ankunft zu Hause immer häufiger entgegenschallen – „Na, weil ich möglichst schnell bei euch sein wollte“, könnte dann die Ausrede lauten. „Wir wollen aber nicht, dass du für uns die Erde zum Kochen bringst!“

Ja, so wie es aussieht, entfaltet die umstrittene Aktion von Fräulein Thunberg doch so nach und nach Wirkung: „Flygskam“, wie die Schweden sagen, ist der neueste Trend. Das bedeutet Flugscham für Passagiere und Flug-Shaming für diejenigen, die es anprangern. Sollte sich daraus ein nachhaltiges Umdenken entwickeln, dann wären die Wachstumspläne der Flugindustrie dahin — insbesondere in Europa, wo die Lufthansa (WKN:823212) die Marktführerschaft behauptet.

Was man dazu wissen muss

Ich persönlich bin ja relativ optimistisch, dass es mit innovativen Ansätzen zur massiven Steigerung von nachhaltig erzeugten Brennstoffen und erneuerbarer Energie gelingen kann, den Verbrauch von fossilen Rohstoffen auf ein Minimum zu reduzieren.

Allerdings nur, wenn auch gleichzeitig der globale Energieverbrauch eingedämmt werden kann. In 15 Jahren werden voraussichtlich schon wieder 1 Mrd. Menschen mehr auf unserem Planeten leben. Außerdem ist zu erwarten, dass der Anteil der Mittel- und Oberschicht weiterhin steigt. Das bedeutet, wenn man den vergangenen Trend in die Zukunft fortsetzt, mehr private Autos, mehr Reisen und mehr Strom fressende Haushaltselektronik.

Unter diesen Voraussetzungen könnte man vermutlich die ganze Erde mit Ölsaaten, Solarmodulen und Windrädern vollpflastern und es würde trotzdem nicht ausreichen, um den Energiebedarf nachhaltig zu decken. Veränderungen im Lebensstil und ein sparsamerer Ressourceneinsatz werden folglich unbedingt gebraucht, wenn die langfristigen Klimaziele erreicht werden sollen.

Nun ist es so, dass der Flugverkehr Schätzungen zu Folge bereits jetzt für über 2 % der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist, obwohl nur eine relativ kleine Minderheit von vielleicht 3 % der Menschheit regelmäßig fliegt. Einschließlich Wasserdampf und anderer Emissionen soll der Anteil an der Klimawirkung sogar 5 % betragen.

Vieles davon wäre vermeidbar: In verschiedenen Kalkulationen wird aufgezeigt, dass sich auf innereuropäischen Strecken per Hochgeschwindigkeitszug im Idealfall über 90 % CO2 pro Passagier einsparen lassen, wobei es natürlich stark auf den Strommix und die Auslastung ankommt. Die Luftfahrtbranche hält zu Recht dagegen, dass auch sie eine Menge Fortschritte gemacht habe.

Die Pläne der Industrie reichen kaum aus

Immerhin benötigen Flugzeuge im Gegensatz zum Schienenverkehr nur wenig verbaute Infrastruktur und die Flugindustrie hat noch weitere Trümpfe in der Hinterhand, um den Rückstand auf klimafreundlichere Alternativen zu verkürzen. So werden derzeit verschiedene Methoden zur Erzeugung von grünem Kerosin mit Hochdruck entwickelt, darunter etwa „Algensprit“, Power-to-Fuels-Verfahren und die Herstellung aus beliebiger Biomasse.

Das kann ein Stück weit helfen, aber das benötigte Volumen erscheint dafür auf absehbare Zeit außer Reichweite. Der weltweit von Passagierflugzeugen verbrauchten Kerosinmenge in Höhe von 397 Mrd. Litern stehen laut der Weltenergieagentur IEA etwa 150 Mrd. Liter produzierter Biotreibstoffe gegenüber. Das heißt, dass man schon allein für den zivilen Flugverkehr fast die dreifache Menge der Gesamtproduktion benötigen würde.

Aber einen Versuch ist es wert: Die Lufthansa hat seit Jahren eigene Forschungs- und Entwicklungsprogramme am Laufen. Zuletzt wurde am 14. Februar 2019 ein neues Projekt aufgesetzt, bei dem es darum geht, überschüssigen Windstrom zur Herstellung von synthetischem Kerosin zu nutzen. Zudem dürfte eine Modernisierung der Flotte für Effizienzsteigerungen sorgen. Über die letzten 30 Jahre hat sich der Verbrauch je Passagier pro 100 Kilometer auf 3,6 Liter fast halbiert.

Weitere deutliche Effekte sind von der zunehmenden Elektrifizierung zu erwarten. Siemens (WKN:723610), Airbus (WKN:938914) und Rolls-Royce (WKN:A1H81L) sind seit 2016 dabei, hybrid-elektrische Antriebssysteme voranzubringen. Zusätzlich gibt es Pläne, Nebenaggregate mit Wasserstoff und Brennstoffzellen zu betreiben.

All das kann dazu beitragen, die Bilanz in der Gesamtrechnung für die Luftfahrtbranche zu verbessern. Aber die Schritte sind zu klein und ihre Durchsetzung in der Breite dauert zu lange. Genauso wenig wird das lungenschädigende Feinstaubproblem durch Biokraftstoffe gelöst.

Auch Anleger sollten sich nach Alternativen zum Flugverkehr umschauen

Falls die streikenden Schüler und ihre Mitstreiter wirklich etwas erreichen wollen, dann müssen sie nachhaltige Verhältensänderungen herbeiführen und die Politik davon überzeugen, das Wachstum des Flugverkehrs auszubremsen. Urlaube auf abgelegenen Pazifikinseln, nur um etwas Tolles auf Instragram posten zu können, fallen dann möglicherweise schon bald dem Flug-Shaming zum Opfer.

Das wäre gut für das Klima, aber offensichtlich Gift für die Aktien der Lufthansa und der aktuell gebeutelten Branche. Möglicherweise sind also Anleger mit Aktien im Umfeld des Schienenverkehrs wie etwa Alstom (WKN:A0F7BK) oder ABB (WKN:919730) auf lange Sicht besser aufgestellt.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.