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BREXIT und übertriebene Sorgen: Darum locken nun besonders günstige Einstiegskurse an der Börse

Bild: Ralf Anders

Jetzt kommt es Schlag auf Schlag. In etwas mehr als 100 Tagen kickt sich Großbritannien aus der Europäischen Union. Was dann passiert, beunruhigt viele – nicht nur, aber auch Aktionäre. Ein kurzfristiger Schaden in Milliardenhöhe könnte durch die Auflösung bewährter Strukturen entstehen. Langfristig sieht es besser aus, weshalb Anleger günstige Einstiegschancen ins Auge fassen sollten.

Es wird ernst

Die noch bis zuletzt geäußerte Hoffnung, dass die Engländer erneut über den Austritt abstimmen würden, haben sich mittlerweile ziemlich verflüchtigt. Premierministerin Theresa May wackelt zwar, aber sie fällt wohl nicht und zieht das Ding jetzt durch, nachdem die EU-Länder dem langwierig ausgehandelten Vertragswerk bereits zugestimmt haben. Aber was genau passiert jetzt aus Börsensicht?

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Diese Frage ist richtig kompliziert. Manche Kommentatoren fokussieren sich auf das Britische Pfund, das noch weiter an Wert verlieren könnte. Aber was wären die Auswirkungen? Mehr britische Exporte? Weniger englische Touristen? Steigende Inflation auf der Insel? Muss irgendetwas davon deutschen Unternehmen Sorgen machen? Vermutlich eher untergeordnet.

Ein anderes Thema betrifft die Umgestaltung von Wertschöpfungsketten. Viele multinationale Konzerne sind gerade dabei, britische Exportkapazitäten abzubauen und dafür gegebenenfalls die Produktion auf eine breitere Inlandsversorgung umzustellen. Der Finanzplatz London musste bereits viele Kompetenzen an Standorte auf dem Kontinent abgeben.

Beim dritten Punkt geht es um Grenzkontrollen und Zölle, wo in den ersten Wochen mit Schwierigkeiten zu rechnen ist. So wie es aussieht, können größere Härten allerdings vermieden werden, wenn der BREXIT-Vertrag so, wie derzeit geplant, umgesetzt wird.

Alle Wirtschaftsakteure können sich nun auf die neue Situation einstellen. Dass dies gewisse Restrukturierungskosten und an vielen Stellen einen erhöhten Aufwand bedeutet, kann trotzdem nicht von der Hand gewiesen werden. Allerdings ist der BREXIT wohl längst nicht das größte Problem, dem sich die Wirtschaft stellen muss.

Die Probleme sind vielfältig …

2012 ist noch gar nicht so lange her, aber ich habe den Eindruck, als ob es sich um ein anderes Jahrhundert handelt. Damals engagierte sich Barrack Obama für mehr internationale Kooperation, in England hatten wir mit David Cameron einen verlässlichen europafreundlichen Partner und die Freundschaft mit dem großen östlichen Nachbarn Polen blühte unter Donald Tusk. Tayyip Erdogans Türkei und Dilma Rousseffs Brasilien boomten noch, während Wladimir Putins Russland ausgezeichnete Perspektiven für gemeinsame Projekte bot.

Seither ging es ganz schön bergab mit dem geopolitischen Panorama. Konflikte, Korruption, Misstrauen und nationaler Eigensinn prägen das Bild vielerorts. Zudem agiert Trump systematisch ganz schön aggressiv gegen die beiden großen Exportländer China und Deutschland. Vorläufige Höhepunkte sind die offene Sabotagedrohung (so habe ich das zumindest verstanden) gegen die wichtige deutsch-russische Pipeline Nord Stream II, die rechtswidrigen Iran-Sanktionen und die Kampagne gegen den chinesischen Mobilfunkausrüster Huawei.

… und doch wurde die Wirtschaft nicht aus der Bahn geworfen

Aber obwohl die USA falsche Spiele treiben, die Türkei, der Nahe Osten, Brasilien und Russland als hoffnungsvolle Wachstumsmärkte zumindest temporär ausgefallen sind und die Zusammenarbeit mit den vielen schwierigen Partnern in Europa ziemlich auf der Stelle tritt, brummt die Wirtschaft in Deutschland und seinen Nachbarländern weiterhin und viele Konzerne schreiben rekordverdächtige Milliardengewinne.

Da es der deutschen Wirtschaft gelungen ist, all diese Probleme erfolgreich zu umschiffen, erscheint es mir unwahrscheinlich, dass der BREXIT unbeherrschbare Probleme verursachen könnte.

Gemischter Ausblick

Wo so viel Schlimmes und Ärgerliches in der Welt passiert, da ist eine Trennung in Freundschaft sicherlich kein Beinbruch. Großbritannien hat sowieso schon immer sein eigenes Ding gemacht, angefangen beim antiquierten angelsächsischen Maßsystem bis zum Linksverkehr.

Außerdem sollte man sich auch die positiven Entwicklungen in Erinnerung rufen, die in all dem Trubel gerne in Vergessenheit geraten. Beispielsweise läuft der deutsch-französische Motor wieder rund und unter dem rüpelhaften Druck der USA sind auch viele andere Länder wieder mehr zur Zusammenarbeit bereit. Von Australien bis Kanada und von Argentinien bis Japan besteht großes Interesse an einer engeren Partnerschaft mit der EU. Zudem ist Chinas unübersehbares Interesse an einer strategischen Allianz mit Deutschland ungebrochen. Zahlreiche neue Joint Ventures und die gemeinsame Verteidigung des multilateralen Handelssystems belegen dies.

Die Weltbevölkerung ist seit 2012 um weitere 500 Millionen Menschen angestiegen, was zwar unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht gerade eine Jubelmeldung ist, aber bezüglich der Güternachfrage ohne Zweifel ein wichtiger Faktor. Von der deutschen Wirtschaft nur unzureichend erschlossene Weltregionen mit hohem Bevölkerungswachstum wie Afrika und Südostasien könnten schon bald neue Perspektiven eröffnen und der indische Gigant ist auf dem besten Weg, zum neuen Zugpferd der Weltwirtschaft zu werden.

Insgesamt denke ich daher, dass die BREXIT-Unsicherheit bereits gut in den Aktienkursen verarbeitet wurde. Zwar sind weiterhin größere Schwankungen zu erwarten, aber ich würde nicht unbedingt damit rechnen, dass wir noch einmal so attraktive Einstiegskurse wie zuletzt bei einem DAX-Stand von rund 11.000 Punkten bekommen werden – zumindest nicht wegen des BREXITs. Wenn überhaupt, dann würde ich mir derzeit höchstens um britische Aktien Sorgen machen.

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