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Diese große Pharma-Wette zahlt sich noch nicht aus – und sie kostet jeden einzelnen

Wenn sich der Nachbar 1.000 Lotterielose kauft, die allesamt Nieten sind, ist einem das wohl herzlich egal. Aber wenn man die selber gekauft hat? Dann geht einen das plötzlich sehr direkt was an.

Derzeit ist eine Wette am Laufen, die sich bislang nicht wesentlich ausgezahlt hat. Die Pharmaindustrie hat dafür viel Geld auf den Tisch gelegt – bisher mindestens 30 Milliarden USD. Doch die großen Pharmaunternehmen sind noch lange nicht so weit, dass sich diese Wette auch auszahlt. Und das kostet vor allem einen: den Anleger.

Die große Wette der Pharmabranche

Aber wovon genau ist her gerade überhaupt die Rede? Kurz: von Biosimilars.

Holen wir mal ein bisschen aus, um zu erklären, was Biosimilars sind. Zunächst muss man wissen, was biologische Arzneimittel (auch Biologika genannt) sind. Biologika sind großmolekulare Medikamente, die in einem lebenden Organismus hergestellt werden. Ein Biosimilar ist ein Biologikum, das einem bereits zugelassenen Biopharmazeutikum so ähnlich ist, dass es bei einem Patienten das gleiche Ergebnis liefert wie das zugelassene Referenzpräparat.

Biosimilars erreichten 2007 den europäischen Markt. In den USA sind Biosimilar-Medikamente jedoch erst seit 2010, nach Inkrafttreten des Biologics Price Competition and Innovation Act (BPCIA), zugelassen.

Große Pharmaunternehmen nutzten die Gelegenheit, Biosimilars zu entwickeln. Die Sandoz-Einheit von Novartis (WKN:904278) konnte sich schnell im europäischen Biosimilar-Markt an die Spitze setzen. Amgen (WKN:867900) hat ein großes Biosimilar-Entwicklungsprogramm gestartet. Pfizer (WKN:852009) kooperierte mit dem südkoreanischen Biosimilar-Hersteller Celltrion und erwarb Hospira im Jahr 2015 für knapp 17 Milliarden USD. Damit hatte man plötzlich ein vielversprechendes Biosimilar-Portfolio. Merck lizenzierte Biosimilars von einem anderen südkoreanischen Biosimilar-Entwickler, Samsung Bioepis, and Biogen ging noch weiter, indem man gleich eine große Beteiligung an dem Unternehmen erwarb. Und viele weitere Unternehmen kamen mit auf den Markt.

Der Biosimilar-Ansturm machte durchaus Sinn. Große Pharmaunternehmen sahen, wie Generika den Pharmamarkt verändert hatten: Deren Anteil an der Gesamtzahl aller verschriebenen Rezepte lag bei 90 %, dabei machten sie aber weniger als 30 % der gesamten Medikamentenkosten aus.

Die Unternehmen wussten auch, dass das ganz große Geld mit Blockbuster-Biopharmaka verdient wurde. So waren im vergangenen Jahr vier der fünf meistverkauften Medikamente der Welt Biologika. Mit einem Umsatz von über 18 Milliarden USD war Humira von AbbVie (WKN:A1J84E) führend.

Erfolgsbilanz? Eher nicht

Wie hat sich also die große Pharma-Wette bisher ausgezahlt? Die Erfolgsbilanz war nicht gerade beeindruckend, insbesondere nicht in den USA.

Seit Oktober 2018 sind 12 Biosimilars in den USA zugelassen. Drei dieser Biosimilars wurden zwischen Mai und Juli 2018 zugelassen. Vier weitere erhielten in der zweiten Jahreshälfte 2017 die Genehmigung. Hier lohnt sich der Blick auf die Verkaufszahlen einfach noch nicht, da diese Biosimilars noch relativ neu auf dem Markt sind. Aber was ist mit den anderen?

Die Food and Drug Administration hat Zarxio von Novartis, ein Biosimilar zu Amgens Neupogen, im März 2015 zugelassen. Ein Jahr nach dem US-Start von Zarxio sagte Chris Raymond, damals Analyst bei Raymond James, dass der Verkauf des Biosimilars „nicht gerade einen Sturm der Begeisterung” entfacht habe.

Novartis gibt keine genauen Zahlen zu jedem seiner Biosimilars bekannt. Im Jahr 2016 betrug der weltweite Gesamtumsatz des Unternehmens mit Biosimilars – Omnitrope, Binocrit, Glatopa und Zarzio außerhalb der USA sowie Zarxio und Enbrel Biosimilar Erelzi in den USA – jedoch rund 1 Milliarde USD. Diese Summe stieg 2017 auf 1,1 Milliarden USD.

Pfizer hingegen stellt Umsatzinformationen zu seinen Biosimilars zur Verfügung, allerdings nicht speziell für den Verkauf in den USA. Inflectra und Remsima, Biosimilars zu Remicade von Johnson & Johnson (WKN:853260), erzielten im Jahr 2015 30 Millionen USD, 2016 192 Millionen USD und im vergangenen Jahr weltweit 419 Millionen USD.

Amjevita von Amgen, ein Biosimilar des Bestsellers Humira, erhielt im September 2016 die FDA-Zulassung. Bis zum dritten Quartal 2018 erzielte Amjevita folgenden Gesamtzumsatz: 0 USD.

Merck konnte im Mai 2017 die FDA-Zulassung für Renflexis bekommen, ein weiteres Biosimilar zu Remicade. Seitdem hat das Unternehmen jedoch in seinen Geschäfts- und Quartalsberichten keine Umsatzzahlen für Renflexis angegeben. Merck hat das Biosimilar in seinen Berichten seitdem nicht einmal erwähnt.

Was ist bitte das Problem?

Das größte Problem bei Biosimilars ist, dass sich der Zulassungsprozess schrecklich lange hingezogen hat. Obwohl Biosimilars nach dem Inkrafttreten von Obamacare Anfang 2010 in den USA ja eigentlich zugelassen wurden, dauerte es trotzdem noch einige Jahre, bis die FDA ihr Zulassungsverfahren dann abgeschlossen hatte. Und selbst dann wurden in den USA nur eine kleine Gruppe Biosimilars zugelassen – eines im Jahr 2015, drei im Jahr 2016, fünf im Jahr 2017 und im laufenden Jahr ebenfalls bloß drei.

Aber das erklärt nicht, warum der Umsatz mit Biosimilars nicht steigen konnte. Der Hauptgrund dafür ist die Taktik, die die Unternehmen fahren, welche die Originalrezepte halten.

So gibt es einen logischen Grund, warum Amgen mit Stand Q3 dieses Jahres noch kein Geld mit Amjevita verdient hat: Das Unternehmen schloss eine Vereinbarung mit AbbVie, um die Einführung des Biosimilars zu verzögern. Amjevita kam erst diesen Oktober hier in Europa auf den Markt, in den USA wird das nicht vor 2023 passieren.

Einige der wichtigsten Patente von Humira sind abgelaufen, aber AbbVie hat um sein Spitzenmedikament einen regelrechten Schutzwall aus anderen Patenten gebaut. Biosimilar-Hersteller haben es schwer gefunden, diesen Patent-Wall zu durchdringen, stattdessen ist man mit AbbVie Kompromisse eingegangen.

Johnson & Johnson ist einen anderen Weg gegangen, um seinen Bestseller Remicade zu schützen: Der Pharmariese schloss Verträge mit Versicherern und Krankenhäusern, um den Marktanteil von Remicade zu erhalten. Das führte dazu, dass Pfizer eine Klage gegen J&J einreichte und das Unternehmen beschuldigte, mit wettbewerbswidrigen Praktiken Patienten davon abzuhalten, mit Inflectra versorgt zu werden.

Es gibt noch weitere Probleme. Während die Kostenträger die Patienten oft dazu drängen, generische Versionen von Markenmedikamenten zu verwenden, waren sie bislang noch nicht bereit, Biosimilars zu fördern. Auch Ärzte und Patienten waren bislang noch nicht im großen Stil dazu zu bewegen, auf Biosimilars umzusteigen.

Wer zahlt die Zeche?

Große Pharmaunternehmen, die Biosimilars entwickelt haben, haben aufgrund dieser unterschiedlichen Probleme noch nichts für ihre Investitionen vorzuweisen. Aber das sollte man sehr nüchtern betrachten. Denn viele dieser Unternehmen haben ja auch etwas davon, wenn Biosimilars keinen Erfolg haben.

So musste Amgen etwa warten, um Geld mit Amjevita zu verdienen. Gleichzeitig aber konnte sich das Unternehmen gegen den Biosimilar-Wettbewerb um gleich mehrere seiner Spitzenprodukte wehren – Enbrel konnte man beispielsweise per Gerichtsverfahren erfolgreich gegen ein Biosimilar von Novartis verteidigen.

Pfizer wiederum verklagt J&J vor Gericht, in der Hoffnung, den Umsatz mit Inflectra zu steigern. Allerdings wurde Pfizer auch getroffen: Enbrel wurde von Biosimilars in Märkten außerhalb der USA und Kanadas angegriffen.

Im Kern wird also die Zeche für das große Biosimilars-Experiment von einer Gruppe gezahlt: den normalen Bürgern. Nimmt man ein Biologikum ein, für das auch ein Biosimilar zugelassen ist, zahlt man mehr als man müsste. Sollte die Versicherung nicht aktiv die Nutzung von Biosimilars fördern, sind die Prämien wahrscheinlich höher, als sie sein müssten. Und sollte man in den USA Steuern zahlen, geht davon ein Teil für Medicare und Medicaid drauf, um die hohen Kosten für Biologika zu decken, für die eigentlich günstigere Biosimilars bereitstünden.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

Auch wenn sich die Investition der großen Pharmaunternehmen in Biosimilars noch nicht richtig ausgezahlt hat, ist die Geschichte noch lange nicht vorbei. Laut dem Marktforschungsunternehmen EvaluatePharma gibt es für Arzneimittelhersteller “wohl eine unterschätzte Bedrohung durch Biosimilars”. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis viele der aktuellen Top-Biologika erhebliche Marktanteile an Biosimilars verlieren.

EvaluatePharma ist der Meinung, dass die Biosimilars von Amgen in der Entwicklung 60 % des gesamten Pipeline-Wertes der Biotechnologie ausmachen, und schätzt, dass die Biosimilars von Pfizer 39 % des gesamten Pipeline-Wertes des Unternehmens ausmachen. Die Biosimilar-Wette für diese und andere große Pharmaunternehmen könnte in nicht allzu ferner Zukunft dann doch gute Renditen bringen.

Der Gewinn für Biosimilar-Entwickler mag langsamer vor sich gehen als gewünscht, aber er könnte bald kommen. Anleger sollten die Chance, die Biosimilars potenziell bieten und versprechen, unbedingt auf dem Schirm haben.

Im Laufe der Zeit könnten Biosimilars dann auch das große Versprechen einlösen, die Gesamtkosten für verschreibungspflichtige Medikamente zu senken. Sollte das eintreffen, könnte jeder US-Bürger von der großen Wette der Pharmabranche profitieren.

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The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Biogen und besitzt Aktien von Johnseon & Johnson. Keith Speights besitzt Aktien von AbbVie und Pfizer.

Dieser Artikel erschien am 28.10.2018 auf Fool.com. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

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