MENU

Wie Investitionen in Biotech-Aktien sich bald radikal ändern könnten

Wenn Vorsorge die beste Heilung ist, wie viel ist Heilung dann noch wert? Was ist die vollständige Heilung im Vergleich zur laufenden Behandlung einer Krankheit wert? Das ist eine Frage, mit der sich die Gesundheitsbranche jetzt auseinandersetzen muss.

Biopharma-Unternehmen machen mehr Fortschritte als je zuvor, nicht nur bei der Behandlung von Krankheiten, sondern auch bei der Entwicklung von Heilungsmethoden und -mitteln für diese Krankheiten. Die Möglichkeit, dass Patienten mit schweren Erkrankungen ihre Gesundheit komplett wiedererlangen können, kann einen schon begeistern, nicht nur die Patienten und ihre Familien, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes.

Es könnte aber auch zu einem wirtschaftlichen Umbruch in unserem Gesundheitssystem führen. Und für Biotech-Investoren könnte sich radikal ändern, wie sie die Aktien von Unternehmen bewerten sollten, die Heilungsmethoden entwickeln und von denen, die derzeit Behandlungen für Erkrankungen entwickeln, für die zur Zeit neue Heilmethoden auf den Weg gebracht werden.

Eine kurze Geschichte der Krankheitsheilung

Das wird keine sehr lange Liste werden. Denn es gibt nur sehr wenige Krankheiten, für die Heilmittel entwickelt wurden.

Einige Menschen denken, dass Krankheiten wie Polio und Pocken, die frühere Generationen geplagt haben, ausgemerzt sind. Es stimmt, dass diese Krankheiten nicht annähernd so problematisch sind wie früher. In den frühen 1950er Jahren beispielsweise wurden jedes Jahr mehr als 15.000 Menschen durch Polio-Erkrankungen gelähmt. Am Ende des Jahrzehnts begann die Zahl dramatisch zu sinken. Seit 1979 wurden in den USA keine Fälle von Polio gemeldet. Und weltweit sind die Fälle von Polio laut der WHO seit 1988 um 99 % zurückgegangen.

Aber Polio ist eigentlich nicht wirklich geheilt. Stattdessen wurden hochwirksame Impfstoffe entwickelt, um eine Infektion mit dem Polio verursachenden Virus zu verhindern. Ähnlich sieht es bei den Pocken aus, die als vollständig ausgerottet erklärt wurden, und einige andere Infektionskrankheiten, die weitgehend ausgerottet wurden.

Es gibt jedoch zwei Krankheiten, die tatsächlich geheilt wurden. 2016 erklärte Margaret Anderson, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Milken Institute’s Faster Cures Organization, gegenüber der Washington Post, dass ihr nur eine einzige Krankheit bekannt sei, die geheilt wurde – nämlich Hepatitis C. Gilead Sciences (WKN:A12HQS) konnte die Zulassung der US Food and Drug Administration (FDA) für die Behandlung Sovaldi im Dezember 2013 erlangen. Nachfolgende Medikamente von Gilead und anderen heilten danach bis zu 98 % der Hepatitis-C-Patienten.

Vor kurzem erhielt Spark Therapeutics (WKN:A12HQS) im Dezember 2017 die FDA-Zulassung für Luxturna, eine Gentherapie zur Behandlung einer seltenen Netzhauterkrankung, die durch eine bestimmte Genmutation verursacht wird. Die Presse lobte Sparks Gentherapie als Heilmittel für eine seltene Art von Blindheit – und das zu Recht. Luxturna ist eine einmalige Behandlung. In klinischen Studien konnten Patienten, die die Gentherapie erhielten, bei schlechten Lichtverhältnissen viel besser sehen als Patienten, die in der Kontrollgruppe waren.

Immer dem Geld hinterher

Die finanzielle Auswirkung einer Heilmethode kann man wohl am besten am Beispiel Hepatitis C betrachten. Schauen wir uns mal drei Pharmahersteller an – Bristol Myers Squibb (WKN:850501), Gilead Sciences und Merck (WKN:659990).

Bristol-Myers Squibb (BMS) war bis zur Markteinführung von Daklinza in Europa im Jahr 2014 und in den USA im Jahr 2015 eigentlich kein wichtiger Akteur bei der Behandlung von Hepatitis C. Merck hingegen war mit Hepatitis-C-Medikamenten wie Pegintron und Victrelis jahrelang auf dem Markt präsent. Gileads erstes volles Jahr der Konkurrenz im Hepatitis-C-Markt kam 2014 mit der Einführung von Sovaldi.

Gileads Markteintritt hat die Branche ziemlich durcheinandergewirbelt. Die beiden folgenden Diagramme geben mehr Aufschluss.

Quelle: SEC-Einreichungen. Chart vom Autor

Quelle: SEC-Einreichungen. Chart vom Autor

Die erste Grafik zeigt, wie sich Merck bis 2014 entwickelt hat, als die Hepatitis-C-Erlöse drastisch zurückgingen. 2015 waren dann die Hep-C-Erlöse von Merck nur noch ein Schatten dessen, was sie einst mal waren. Merck konnte jedoch dank der Einführung von Zepatier, einem Heilmittel gegen Hepatitis C, das in die Fußstapfen von Gileads Sovaldi trat, auf dem Markt Boden wettmachen.

Die Nachzügler BMS konnten sich nach dem Start von Daklinza einiger guter Jahre erfreuen. Die guten Zeiten dauerten jedoch nicht lange.

Der Erfolg von Gilead stellte den Umsatz der anderen Unternehmen im Vergleich völlig in den Schatten. Gileads Behandlungen von Hepatitis C, angeführt von Sovaldi und gefolgt von Harvoni, Epclusa und Vosevi, beherrschten den Markt fast vollständig – jedenfalls eine ganze Weile lang.

2016 jedoch begann ein starker Umsatzrückgang. Der ist zum Teil auf das Auftreten neuer Konkurrenzprodukte von Merck und AbbVie zurückzuführen, die beide eigene Hepatitis-C-Behandlungen entwickelt haben. Ein noch größeres Problem war jedoch, dass es einfach nicht mehr so viele Patienten gab, die behandelt werden mussten, nachdem die erste Welle von Patienten von Hepatitis C geheilt worden war.

Was diese zwei Diagramme nicht zeigen, ist, dass BMS und Merck jetzt im Wesentlichen unbedeutend im Hepatitis-C-Markt sind. BMS meldete im ersten Halbjahr 2018 einen Hep-C-Umsatz von nur 15 Millionen US-Dollar. Mercks Hepatitis-C-Erlöse beliefen sich im gleichen Zeitraum auf 243 Millionen US-Dollar – fast so niedrig wie zum Tiefpunkt im Jahr 2015. Der Markt der Hepatitis C ist nur noch ein Kampf zwischen zwei Behandlungen – denen von Gilead und von AbbVie. Und beide großen Unternehmen kämpfen um eine immer kleiner werdende Gruppe von Patienten.

Die Geschichten hinter diesen beiden Charts unterstreichen zwei Gewissheiten, die Anleger anerkennen müssen. Erstens können Unternehmen, die mit wirksamen Therapien für eine Krankheit erfolgreich sind, schnell erkennen, dass Erfolg flüchtig ist, wenn eine Behandlung auf den Markt kommt. Zweitens können Unternehmen, die Behandlungen entwickeln, enorme Einnahmen direkt von Anfang an erzielen, aber auch die werden nach dem anfänglichen Höhenflug wahrscheinlich deutliche Umsatzrückgänge erleben.

Es ist noch zu früh, um zu sagen, was mit Spark Therapeutics passiert. Die Biotech-Firma hat Luxturna für die einmalige Behandlung mit 850.000 US-Dollar bzw. 425.000 US-Dollar pro Auge bewertet. Während der Preis unter den von einigen Beobachtern erwarteten 1 Million US-Dollar lag, wurde Luxturna dennoch zu einer der teuersten Behandlungen auf dem Markt.

Einige könnten von den hohen Kosten abgeschreckt werden. Der Pharmacy Benefits Manager (PBM) von Express Scripts, Steve Miller, erklärte jedoch, dass Spark seine Gentherapie „verantwortungsvoll“ bepreist habe.

Das kommende goldene Zeitalter der Medizin

Ein goldenes Zeitalter der Medizin könnte vor der Tür stehen. Gentherapien wie die Luxturna von Spark Therapeutics versprechen die Heilung einiger genetischer Krankheiten durch die Einführung funktioneller Gene in die Zellen, um fehlende oder defekte Gene zu korrigieren. Eine noch größere Chance könnte die Genbearbeitung bieten, bei der Mutationen durch direkte Modifikation der DNA korrigiert werden.

Die meisten der bisherigen Bemühungen konzentrierten sich auf die Entwicklung von Heilmitteln für seltene genetische Krankheiten. Die führenden Programme von CRISPR Therapeutics (WKN:A2AT0Z) verwenden zum Beispiel das CRISPR-Cas9-Gen-Editing zur Behandlung seltener Blutkrankheiten wie Beta-Thalassämie und Sichelzellkrankheiten. Editas Medicines (WKN:A2AC4K) wichtigste Behandlung verwendet CRISPR-Cas9 auch zur Behandlung der häufigsten – aber immer noch seltenen – Form der erblichen Kinderblindheit, der angeborenen Leber-Amaurose Typ 10 (LCA10).

Beide Biotechs stehen noch ziemlich am Anfang. Beide haben noch gar nicht mit der klinischen Prüfung am Menschen begonnen, hoffen aber, dies in naher Zukunft zu tun. Was passiert, wenn sie letztendlich bald erfolgreich sind?

Editas Medicine könnte einen ähnlichen Weg beschreiten wie Spark Therapeutics. Das Biotech müsste seine LCA10-Therapie auf jeden Fall preislich sehr hoch ansetzen. Viele Zahler könnten einem so hohen Preis zustimmen, wie Express Scripts für Luxturna, denn es gibt nicht viele Patienten mit der Krankheit, und es gibt keine anderen wirksamen Behandlungen.

Wenn CRISPR Therapeutics bei der Beta-Thalassämie erfolgreich ist, könnten wir ein ähnliches Szenario wie bei der Hepatitis C erleben. Celgene zum Beispiel glaubt, dass man mit luspatercept ein potenzielles Blockbuster-Beta-Thalassämie-Medikament in der Mache hat. Ein wirksames Heilmittel gegen Beta-Thalassämie könnte den Absatz von Celgenes Medikament erheblich reduzieren.

Aber der größte Umbruch könnte kommen, wenn Heilmittel für Krankheiten entwickelt werden, die weiter verbreitet sind. Gilead arbeitet aktiv an der Entwicklung einer Heilung für HIV. Das Unternehmen berichtete über ermutigende präklinische Ergebnisse mit einer Kombination von zwei experimentellen Medikamenten, die fast die Hälfte der HIV-infizierten Affen heilen, die die Medikamente erhielten.

Gilead steht vor einem interessanten Dilemma. Man will HIV heilen und prescht mit der Forschung rasant voran. Gleichzeitig verdiente das Unternehmen im Jahr 2017 14 Milliarden US-Dollar mit seinen HIV-Behandlungen. Eine vollständige Heilung würde diese Absätze nichtig machen.

Neue Herausforderungen für Biotech-Investoren

All dies stellt ein neues Paradigma für Biotech-Investoren dar. Der Wettbewerb um die Medikamente der Unternehmen ist eine Sache. Aber die Aussichten auf Heilung der Krankheiten, auf die diese Medikamente abzielen, ändert natürlich alles. Wie sollte man sich da als Anleger verhalten?

Erstens sollte man vor dem Kauf einer Biotech- oder Pharma-Aktie ein solides Verständnis der Wettbewerbsdynamik in den Märkten mitbringen. Das ist ein wichtiger Schritt, auch wenn keine potenziell kurativen Behandlungen für eine der vom Unternehmen angestrebten Indikationen entwickelt werden.

Zweitens sollte man sich über die Unternehmen schlau machen, die die potenziellen Heilmittel entwickeln. Finden Sie heraus, wie weit die schon sind und was die potenziellen Hindernisse für die Technologie sein könnten. Eine weitere wichtige Sache, die man oft bei kleinen Biotechs, die Behandlungen entwickeln, vorfindet, ist eine potenzielle Übernahme von einem großen Akteur der Branche – oder auch nur ein Investment. Wenn ein großer Fisch viel Geld in die Partnerschaft mit einem kleinen Biotech investiert, kann dies ein gutes Zeichen dafür sein, dass man den kleinen Biotech-Herausforderer ernst nehmen sollte.

Drittens: Hören Sie sich an, was das Management des Arzneimittelherstellers über den potenziellen Wettbewerb sagt. Wenn das Management eine gute Strategie hat, ist das oft ein beruhigendes Gefühl.

Viertens kann man seine Investments absichern, indem man eine Position in den Aktien potenzieller Konkurrenten kauft, die Behandlungen entwickeln. Wenn einem die Investition in ein Biotech im klinischen oder präklinischen Stadium zu riskant ist, kann man eventuell in einen größeren Player investieren, der sich mit einem kleineren Biotech zusammengeschlossen hat – so es denn eine solche Partnerschaft gibt.

Es gibt aber eine Sache, die Biotech-Investoren nicht tun sollten: die Bedrohung noch kommender Behandlungen unterschätzen. Ja, es ist noch früh. Einige experimentelle Behandlungen werden nicht funktionieren. Aber Francis Collins, Leiter des Humangenomprojekts und derzeitiger Direktor der National Institutes for Health, sagte: „Ich denke, die Entwicklung von Heilmitteln für alle Krankheiten ist sicherlich etwas, was wir uns im Laufe dieses Jahrhunderts vorstellen können“. Die Betonung in dem Satz liegt auf dem Wort „alle“.

Was ist also das Heilmittel wert? Möglicherweise Milliarden von Dollar für einige Unternehmen. Und es könnte andere wiederum Milliarden von Dollar kosten. Ffür Biotechs – und Biotech-Investoren – stehen ganze Vermögen auf dem Spiel.

So nimmst du die Finanzen eines Unternehmens richtig auseinander

Bist du nicht sicher, wie du die Bilanz eines Unternehmens richtig analysierst? Dann solltest du dir eine Kopie unseres Sonderberichts "15 Bilanzkennzahlen, die dich zu einem besseren Anleger machen" schnappen, in dem dir Analyst Bernd Schmid genau zeigt, wie du das professionell machen kannst – und einige böse Überraschungen vermeidest. Klick einfach hier, um in diesen kostenlosen Sonderbericht zu einsteigen.

The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien Celgene und Gilead Sciences und besitzt Aktien von CRISPR Therapeutics.

Dieser Artikel von Keith Speights erschien am 21.8.2018 auf Fool.com. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.