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Was wir Entscheidendes vom WM-Aus über das Investieren lernen können

Foto: Getty Images

Es ist Mittwochabend, ich habe gerade das Debakel erlebt und muss nun versuchen, etwas zu schreiben. Nicht so einfach … mental. Aber es gibt etwas, das das Investieren an der Börse und der Fußball gemeinsam haben. Und wer das weiß und berücksichtigt, der kann ein besserer Investor werden – so kann unsere Niederlage gegen Südkorea für einige von uns doch etwas Positives hervorbringen.

Löws Entscheidungen

Unter den Millionen anderer Bundestrainer in der Republik (da zähle ich mich auch dazu) gibt es jetzt ganz sicher eine Menge, die die Entscheidungen des Einen in Frage stellen, der die Verantwortung trägt. Zum Beispiel die vor der WM, als er sich entschied, mit Sané einen Weltklasse-Spieler zu Hause zu lassen, der noch dazu im Verein die Saison seines noch jungen Fußballer-Lebens spielte. Oder den Siegtorschützen des letzten WM-Turniers, Mario Götze, der bis wenige Wochen vor Saisonende gerade mal ein Schatten seiner selbst war, aber sich in den letzten Wochen doch stetig steigerte und teilweise wieder richtige Weltklassemomente hatte. Oder Petersen, der beste Joker der abgelaufenen Bundesligasaison (und das für einen Verein, der gegen den Abstieg spielte).

Alle Entscheidungen waren gut begründet. Sané und Petersen spielten im Trikot der Nationalmannschaft schlecht und Götze fehlte auch am Ende der Saison noch immer die Torgefährlichkeit.

Nur schaut man sich jetzt die Leistungen der meisten unserer Mittelfeldspieler bei der WM an, für die Löw sich stattdessen entschied, oder des unglücklichen Stürmers Mario Gomez, dann kann man schon zu dem Schluss kommen, dass wir mit den drei unfreiwilligen Urlaubern unter den gegebenen Umständen womöglich ein besseres Ergebnis hätten erzielen können.

Aber das ist zu einfach gedacht.

Die Rolle des Glücks

Der Hilfsprofessor Michael Mauboussin von der Columbia Business School hat untersucht, welche Rolle das Glück im Vergleich zum Können bei verschiedenen Sportarten spielt.

Beim Darts zum Beispiel spielt das Glück eine wesentlich größere Rolle als das Können. Am anderen Ende des Spektrums finden wir natürlich das Schachspiel, wo Glück wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle spielt. Und der Raum dazwischen ist ebenfalls ganz gut besetzt. Mauboussin gibt zum Beispiel an, dass Glück beim Tennis eine größere Rolle spielt als beim Schach, aber das Können trotzdem noch dominiert. Beim Baseball und American Football ist es ungefähr 50-50.

Und beim Fußball … hier wird das Endresultat immer noch zu rund einem Drittel vom Glück bestimmt.

Das war nun nicht der Hauptgrund dafür, dass Manuel Neuer & Co ab heute nur noch Zuschauer bei der WM sind. Da sind wir uns wahrscheinlich alle einig. Aber das bedeutet für mich, dass wir unserem einen Bundestrainer nicht vorwerfen dürfen, die falschen Entscheidungen getroffen zu haben. Man kann sie im Nachhinein zwar als unglücklich bezeichnen. Aber das ist nichts, was Jogi vor der WM berücksichtigen konnte. Er hat die Entscheidungen wohl auch auf Basis seines Bauchgefühls getroffen, aber eben auch (und vor allem) auf der Basis von Daten und den Eindrücken, die alle Spieler hinterließen.

Alles was Löw vor der WM mit der Auswahl seines 23er-Kaders oder während der WM mit der Auswahl der Start-11 versucht hat, war, die Wahrscheinlichkeit zu maximieren, die Spiele und das Turnier zu gewinnen. Aber aufgrund des Glücksfaktors gibt es eben keine 100%-ige Wahrscheinlichkeit Weltmeister zu werden, selbst wenn man den besten Kader aller WM-Teams hat.

Was das alles mit dem Investieren zu tun hat

Mauboussin hat „zufällig“ im Rahmen seiner Studie untersucht, wo denn das Investieren auf dem Spektrum zwischen Können und Glück liegt. Was ich mir vorstellen kann ist, dass die meisten Investoren das Ergebnis nicht hören wollen: Um den Markt an der Börse zu schlagen, braucht man nämlich mehr Glück als Können … und zwar deutlich mehr.

Es ist nicht leicht, das anzuerkennen. Wer zum Beispiel vor 10 oder 20 Jahren in Amazon, Netflix oder Apple investiert hat (und heute das 100-Fache oder mehr seines Einsatzes raus hat), der will sich verständlicherweise doch damit rühmen, dass er wusste, dass Amazon das Internet mit-dominiert so wie Netflix den Online-Streaming-Markt, und dass das iPhone das vielleicht erfolgreichste Produkt aller Zeiten werden wird.

Tatsächlich aber war das alles vor 10 oder 20 Jahren noch überhaupt nicht klar. Vor 10 Jahren spielte Amazon Webservices noch kaum eine Rolle. Heute bringt dieses eine Produkt den Bärenanteil der Gewinne für das Unternehmen herein. Und die Netflix-Aktie ist nicht ohne Grund auf ihrem Weg in die Stratosphäre mehrmals um 70 % abgestürzt. Es gab immer Zeiten, an denen die Zukunft dieser Unternehmen ungewisser waren als man heute denkt.

Dabei hätte es für diese Unternehmen auch in genau die andere Richtung gehen können. So wie es zum Beispiel bei GM der Fall war. Vor einem halben Jahrhundert noch das größte Unternehmen der Vereinigten Staaten, vor 10 Jahren bankrott. Oder Lehman Brothers, der ehemals legendären Investmentbank, die über Nacht verschwand.

Heute wissen natürlich alle, dass das einfach so kommen musste. Im Nachhinein ist das immer so. In Wahrheit hätten diese Prognosen vor 20 Jahren wahrscheinlich die Allerwenigsten gewagt.

Was wir daraus lernen sollten

Man sollte die Rolle des Glücks beim Investieren, wie beim Sport, nicht unterschätzen. Eine 100%ige Treffsicherheit wird niemand erreichen können – außer durch pures Glück. Als Anleger an der Börse muss man deshalb unbedingt damit rechnen, dass man unter seinen Anlagen auch Verlierer dabeihaben wird. Und zwar egal, wie überzeugt man von diesen ist.

Beim Investieren geht es deshalb nicht darum zu versuchen, immer Recht zu haben. Stattdessen geht es darum, seine Gewinnwahrscheinlichkeiten zu maximieren.

Auch das garantiert noch nicht den Erfolg. Denn die 100%ige Gewinnwahrscheinlich gibt es nicht. Auch nicht, wenn man sein Portfolio aus den Manuel Neuers, Toni Kroos und Marco Reus der Unternehmenswelt bestückt. Die Realität kann uns trotzdem einen Strich durch die Rechnung machen – genauso wie sie es gestern bei der Weltmeisterschaft getan hat.

Soll man deswegen jetzt aufhören zu investieren, weil doch eh viel zu viel vom Glück abhängt?

Ein klares Nein. Auch hier hilft eine Fußballanalogie. In meiner Jugendzeit (als ich noch kicken konnte) hatte ich einen großartigen Trainer. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als er in einer schwierigen Situation sinngemäß (an die genauen Worte erinnere ich mich nicht) sagte: „Wir brauchen jetzt Glück. Aber das Glück kommt nicht von alleine, wir müssen dafür arbeiten! Es heißt nicht umsonst ‚das Glück des Tüchtigen.’“

Und genauso ist es. Bayern München hat gefühlt überdurchschnittlich viel Glück in der Bundesliga. Aber das kommt nicht von ungefähr, wie die Bayern-Spieler nicht müde werden zu betonen. Die Spieler trainieren nämlich sehr hart für ihren Erfolg und geben alles. Sie erarbeiten sich sprichwörtlich das Glück.

Und ganz genauso ist es beim Investieren. Wer hart arbeitet, seine Recherchen macht und nach Wahrscheinlichkeiten investiert, der wird nicht kontinuierlich gewinnen. Bayern wird schließlich auch nicht jedes Jahr Meister (hoffentlich …). Aber auf lange Sicht erhöht man mit harter Arbeit, ständigem Lernen, und ständigem Verbessern seines Investitionsprozesses die Chancen, erfolgreich zu sein.

Offenlegung: Bernd Schmid besitzt Aktien von Amazon und Netflix. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon, Apple und Netflix.

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