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Wird Amazon jemals Marihuana verkaufen?

Foto: The Motley Fool

Es gibt nicht allzu viele Industriezweige in dieser Welt, die so schnell oder so konsequent wachsen wie legales Marihuana, und die Investoren haben das zur Kenntnis genommen.

ArcView, ein führendes Cannabisforschungsunternehmen, rechnet für Nordamerika zwischen 2016 und 2021 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate der legalen Verkäufe von 26 %. Trifft das zu, würde dies bis 2021 zu einem Umsatz von fast 22 Milliarden US-Dollar führen.
Unterdessen hat Cowen & Co. eine noch aggressivere Haltung eingenommen und bis 2026 einen Umsatz von 50 Milliarden US-Dollar im Bereich des legalen Marihuanaverkaufs in den USA prognostiziert. Eine solche Schätzung kalkuliert ein, dass die amerikanische Bundesregierung bis 2026 irgendwann den Cannabiskonsum vollständig legalisieren würde.

Derartige Pläne gewinnen auch in der Öffentlichkeit immer mehr an Unterstützung. Das Umfrageinstitut Gallup, das seit 1969 Cannabisumfragen durchführt, fand im Oktober 2017 heraus, dass 64 % der Befragten in den USA Marihuana für legal halten. Das ist der höchste Prozentsatz, den es je gab. Eine weitere Umfrage von der unabhängigen Quinnipiac-Universität im August 2017 ergab, dass satte 94 % die Idee der Legalisierung von medizinischem Cannabis befürworteten. Demgegenüber sprachen sich nur magere 4 % gegen die Idee aus.

Vorerst jedoch bleibt Marihuana auf Bundesebene in den Vereinigten Staaten höchstwahrscheinlich illegal. Zurzeit ist Cannabis ein Betäubungsmittel der Klasse I in der Klassifikation der US Food and Drug Administration. Das heißt, man geht davon aus, dass Cannabis sehr anfällig für Missbrauch ist und keinen anerkannten medizinischen Nutzen hat. Damit steht es im Wesentlichen auf einer Augenhöhe mit Heroin, Kokain, LSD und einer Vielzahl anderer illegaler Betäubungsmittel.

Wird der König des Online-Einzelhandels jemals Marihuana verkaufen?

Diese Einstufung schafft ein ziemliches Dilemma für Unternehmen mit Sitz in den USA. Steigen sie in dieses schnell wachsende Geschäft ein, das in den meisten Ländern der Welt illegal ist? Man kann sich fragen, ob wohl Amazon.com (WKN:906866), der König des Online-Einzelhandels, Marihuana überhaupt verkaufen würde?
Um es ganz deutlich zu sagen: Das Managementteam von Amazon hat sicherlich noch nie die Möglichkeit diskutiert, Marihuana zu medizinischen oder Freizeitzwecken zu verkaufen. Jede Diskussion hier ist reine Spekulation meinerseits. Dennoch könnte ich mir zumindest vorstellen, dass Amazon innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre erwägen könnte, mit dem Verkauf von Cannabisutensilien, -ölen und getrocknetem Cannabis zu beginnen.

Wenn du mich vor einem Jahr gefragt hättest, ob Amazon in den Cannabismarkt eintreten würde, dann wäre meine Antwort praktisch hundertprozentig „nein“ gewesen. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Kanadas erwartete Legalisierung eröffnet neue Türen und wirft Fragen auf

Denn es ist zu erwarten, dass Kanada bald das zweite Land in der Welt wird – und das erste entwickelte Land –, wo Cannabis für Freizeitzwecke bis zum kommenden Sommer legalisiert werden könnte. Die von Premierminister Justin Trudeau im April 2017 auf den Weg gebrachte Gesetzgebung soll es Erwachsenen ermöglichen, getrocknetes Cannabis legal zu kaufen. Da das kanadische Parlament von fortschrittlichen Parteimitgliedern kontrolliert wird und bereits mit allen Provinzen Kanadas ein zweijähriger Vertrag über die Aufteilung der Steuern besteht, sieht es so aus, als sei die Legalisierung gesetzlich praktisch schon beschlossene Sache.

Ich bezweifle, dass Amazon es jemals in Betracht ziehen würde, ein Produkt zu verkaufen oder zu versenden, das illegal ist – aber umgekehrt bedeutet das, dass eine entsprechende Änderung der Bundesgesetze in Kanada den Weg frei machen könnte, damit das Unternehmen mit dem Verkauf von Gras zum Freizeitkonsum beginnen kann.

Ein solcher Schritt würde jedoch drei sehr große Herausforderungen mit sich bringen, die das Unternehmen zu bewältigen hätte. Zuerst würde die Zustellung erschwert, weil eine Altersbestätigung des Warenempfängers nötig wäre. Das kanadische Gesetz ist sehr klar hinsichtlich der Absicht, dass Cannabis nicht in die Hände von Jugendlichen gelangen darf. Es könnte für Amazon oder die Regulierungsbehörden schwierig sein, ein System einzurichten, das sicherstellt, dass minderjährige Verbraucher sich kein Marihuana über den Onlineshop liefern lassen können.

Zweitens wollen traditionelle Logistikunternehmen nichts mit dem Transport von Drogen zu tun haben, die ganz oder teilweise illegal sind. Dieses bedeutet vor allem, dass es schwierig sein könnte, UPS und FedEx zu überzeugen, Marihuana zu transportieren. Allerdings kann das kein allzu großes Problem darstellen, wenn man bedenkt, welche Marktmacht Amazon im Logistikbereich hat, durch die das Versandhaus natürlich Druck auf seine Zustellungspartner ausüben kann.

Schließlich, und aufbauend auf dem vorhergehenden Punkt, stellt sich die Frage, wie der Versand an die Verbraucher logistisch abgewickelt werden könnte. Amazon hat etwa ein halbes Dutzend Vertriebszentren in Kanada, nutzt aber gelegentlich auch seine US-Zentren, um Waren nach Kanada zu verschicken. Solange Marihuana aber in den USA immer noch illegal ist, scheint dies keine praktikable Option zu sein. Mit anderen Worten: Amazon bräuchte wahrscheinlich eine erhebliche Ausweitung der Vertriebskapazitäten in Kanada, damit dies Wirklichkeit wird.

Amazons Vorstoß ins Apothekengeschäft könnte eines Tages auch Cannabis betreffen

Die zweite spannende Entwicklung ist der Vorstoß von Amazon in die Pharmaindustrie. Einer Meldung von CNBC aus dem letzten Mai zufolge gab es bei Amazon ein Treffen, um den möglichen Einstieg in das von hohen Umsätzen, aber niedrigen Margen geprägte Apothekengeschäft zu diskutieren – aber das Management konnte sich damals nicht dazu entschließen, diesen Schritt zu gehen. In den letzten Quartalen hat sich die Stimmung jedoch geändert.

Letztes Jahr kündigte Amazon die Übernahme des Naturkosthändlers Whole Foods Market für 13,7 Milliarden US-Dollar an. Durch diesen Zukauf, bei dem sich einige Investoren zuerst ungläubig am Kopf kratzen mussten, verfügt Amazon jetzt über eine Plattform, über die ohne große Verzögerungen verschreibungspflichtige Medikamente vertrieben werden könnten, falls das Unternehmen sich dafür entscheiden sollte.

Noch vor Kurzem, Ende Januar, kündigten Amazon, Berkshire Hathaway und JPMorgan Chase eine Partnerschaft an, die eine unabhängige Organisation an den Start bringen wird, die in der Lage ist, gemeinnützige Leistungen im Gesundheitswesen zu erbringen. Das Konsortium, das 1,1 Millionen Menschen beschäftigt, geht davon aus, dass es dadurch erhebliche Einsparungen bei den Gesundheitskosten erzielen kann.

Erwähnenswert ist hier auch, dass Amazon in Japan pharmazeutische Produkte an Patienten verkauft, solange diese Patienten eine Genehmigung von einem Apotheker haben. Kurz gesagt: Die Ausweitung auf medizinisches Marihuana in Ländern, in denen es legalisiert ist, wäre kein allzu komplizierter Schritt.

Natürlich gibt es zwei große Probleme, die es zu lösen gilt. Erstens müsste, wie bereits erwähnt, streng geregelt werden, wer ein Rezept einreichen darf.

Der zweite Punkt ist, dass Amazon wahrscheinlich durch eine Menge Reifen springen müsste, um Apothekenlizenzen in all jenen Märkten zu erhalten, in denen es sich entscheidet, dieses Angebot zu bekommen. Die USA werden wahrscheinlich nicht zu diesen Märkten gehören, zumindest so lange, wie Justizminister Jeff Sessions noch im Amt ist.

Es ist eine Möglichkeit, aber wahrscheinlich außerhalb der USA.

Zusammenfassend glaube ich, dass die Marihuanabranche sich zu einem Markt entwickelt, der zu groß ist, als dass Amazon ihn ignorieren könnte. Ich glaube jedoch nicht, dass die USA die erste Wahl sein werden, wenn das Unternehmen in den Cannabismarkt eintritt. Sofern Kanada mit der vollständigen Legalisierung bis zum Sommer dieses Jahres voranschreitet, sollten die Investoren auf Amazons Kommentare zu Kanada und die Zuweisung von Ressourcen an seine kanadischen Vertriebszentren achten. Das könnte uns Hinweise darauf geben, ob Amazon tatsächlich erwägt, in den Marihuanahandel einzusteigen.

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John Mackey, CEO von Whole Foods Market, einer Tochtergesellschaft von Amazon, ist Mitglied des Vorstands von The Motley Fool.

The Motley Fool besitzt und empfiehlt Amazon und Berkshire Hathaway (B-Aktie). The Motley Fool empfiehlt FedEx.

Dieser Artikel wurde von Sean Williams auf Englisch verfassst und am 2.03.2018 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

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