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Elektromobilität zwischen drohender Rohstoff-Knappheit und Spekulation: Was Anleger jetzt wissen müssen

Foto: Getty Images

In Deutschland kochen mal wieder Rohstoff-Sorgen hoch. Es ist ja irgendwie wie verhext: Da sind wir gerade dabei, uns Schritt für Schritt über Windräder, Biomasse und Elektroautos aus der Abhängigkeit vom Öl zu befreien — und jetzt mangelt es an einer sicheren Versorgung mit speziellen Metallen wie Kobalt, Mangan und Dysprosium. Wohl auch deshalb kommt die Elektromobilität in Deutschland 2018 noch immer nicht so richtig vom Fleck. Solche Fragen möchte man hierzulande im Vorfeld gelöst sehen, weshalb der Industrieverband BDI Druck auf die Politik ausübt, um gemeinsam für zuverlässigere Bedingungen zu sorgen.

Aber es führt kein Weg daran vorbei, jetzt endlich selbst in die Puschen zu kommen, denn in China läuft die Elektrifizierung der Mobilität bereits unter Volldampf. Deshalb deutet einiges darauf hin, dass die Weltmarktpreise von relevanten Rohstoffen nach oben schießen werden und es ist kein Wunder, dass einschlägige Berg- und Tagebau-Unternehmen regelmäßig als heiße Tipps herumgereicht werden. Allerdings gibt es auch eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren und Stellhebel, die man vor einer Spekulation in diesem Bereich beachten sollte.

Stellhebel Nr. 1: Lagerbestände und Produktionsausweitung

Wenn zukünftige Entwicklungen eher offensichtlich sind, also beispielsweise, dass sich das Elektroauto langfristig durchsetzen wird, dann können sich die Marktteilnehmer entlang der Wertschöpfungskette und Investoren gründlich darauf vorbereiten. Zum einen werden sie ihre Kapazitäten ausbauen und zum anderen kann man frühzeitig die Lagerbestände auffüllen.

Beispielsweise hat die kanadische Cobalt 27 Capital (WKN:A2DTYT) große Mengen des Metalls gehortet, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu Höchstpreisen zu verkaufen. Sie steht mit dieser Taktik bestimmt nicht alleine da und man kann davon ausgehen, dass die führenden Lithium-Konzerne wie die Sociedad Quimica y Minera de Chile (WKN:895007) sich ebenfalls auf einen Nachfrageanstieg einstellen.

Wie sich das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage dann letztlich ergeben wird, ist ziemlich unklar. Das liegt auch an den weiteren Punkten.

Stellhebel Nr. 2: Recycling

Je besser es gelingt, Rohstoffe aus entsorgten Produkten wieder herauszulösen und dem Materialkreislauf zuzuführen, desto weniger wird Deutschland von Importen abhängig sein. An dieser Front wird aktuell intensiv geforscht, um die Kosten zu senken und die Effektivität zu steigern. Ein zentraler Akteur ist die belgische Umicore (WKN:A0ND40), die bei mir ganz oben auf der Watchlist steht. Aber auch Aurubis (WKN:676650), Heraeus, Albemarle Corporation (WKN:890167) und viele andere sind in dem Bereich engagiert.

Stellhebel Nr. 3: Reduzierter Verbrauch und Substitute

Ein großes Maß an Flexibilität besteht bei der Technologie- und Materialauswahl für Batterien, Antriebsmotoren usw. Sollte etwa Lithium oder Kobalt zu teuer werden, dann können Hersteller kurzfristig auf Formulierungen zurückgreifen, die weniger davon benötigen. Lithium-Eisenphosphat-Akkus von BYD (WKN:A0M4W9) kommen sogar ganz ohne Kobalt aus. Langfristig werden auch leistungsstarke lithiumfreie Batteriezelltypen verfügbar sein.

Außerdem könnten die Batteriepacks kleiner dimensioniert und stattdessen ein Range Extender eingebaut werden. Im Falle der Brennstoffzelle stoßen wir zwar auf das Problem, dass diese eine Menge Edelmetalle wie Platin oder Palladium benötigen, aber das Gute ist, dass auf der anderen Seite die Abgas-Katalysatoren wegfallen.

Eine Leichtbau-Karosserie kann aus Aluminium oder Spezialstahl gefertigt werden, aber auch aus Sandwich-Materialien, Verbundwerkstoffen oder sogar Holz. Es ist naheliegend, dass Chemie-Unternehmen wie BASF (WKN:BASF11) und Covestro (WKN:606214) sich für eine verstärkte Nutzung von Polymeren einsetzen. thyssenkrupp (WKN:750000) auf der anderen Seite fährt zweigleisig und hat große Kompetenz in carbonfaserverstärkten Kunststoffen aufgebaut.

Bei elektrischen Komponenten wie Motor und Generator werden derzeit bevorzugt Varianten mit starken Permanentmagneten verwendet, die größere Mengen an Seltenen Erden verbrauchen. Aber es geht auch ohne, wie zum Beispiel Siemens (WKN:723610) mit dem aktuell noch eher für den industriellen Bereich entwickelten hocheffizienten Reluktanzmotor belegt.

Über eine Patentrecherche habe ich gelernt, dass vor allem asiatische Unternehmen am Einsatz dieser Alternativen im Fahrzeugbereich forschen. Aus Europa ist neben der zur japanischen Nidec (WKN:505531) gehörenden SR Drives aus England insbesondere der schnell wachsende Zulieferer Punch Powertrain dabei. Seit Jahren forschen die Belgier am geschalteten Reluktanzmotor und kürzlich wurde ein Patent darauf veröffentlicht. Das Unternehmen gehört seit 2016 zu einem chinesischen Konglomerat.

Komplizierte Welt

China hat sich den Zugriff auf Hightech-Rohstoffe gesichert und forscht gleichzeitig intensiv an Alternativen, die ohne sie auskommen. Verbunden mit dem weltweit führenden Heimatmarkt befindet sich das Land in einer ausgezeichneten Ausgangsposition. Für Deutschland und Europa wird es nicht leichter, gegenzuhalten, weshalb der Aufruf der Industrie wohl durchaus berechtigt ist, denn explodierende Kosten für den Bezug von Eingangsstoffen könnten die Elektrifizierung im Keim ersticken.

Als Anleger würde ich mir allerdings ganz genau überlegen, ob bei der vermeintlich sicheren Wette auf Rohstoffwerte nicht doch die Risiken größer sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Anzahl der Unsicherheitsfaktoren ist derzeit einfach noch zu groß, um sich bereits ein klares Bild machen zu können. Das gilt auch für Komponenten-Hersteller und Autobauer, welche lernen müssen, das neue Spiel zu beherrschen.

Zu den Gewinnern werden diejenigen gehören, welche auf die richtigen Pferde setzen, beziehungsweise ausreichend flexibel auf die zukünftige Entwicklung von Angebot, Nachfrage und Preisen reagieren können. Was heute noch als Technologie mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis angesehen wird, kann durch Innovationen oder Rohstoff-Verknappung schon morgen zweitklassig sein. Bei den derzeit noch geringen Volumina ist das alles noch nicht so relevant, aber wenn schon in wenigen Jahren Millionen Elektrofahrzeuge von den Bändern rollen sollen, dann muss die Lieferkette passen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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