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Wenn Siemens-Züge kanadisch werden, dann hat das mehrere Implikationen

Bildquelle: www.siemens.com/presse

Presseberichten zufolge befinden sich die Gespräche zwischen Bombardier (WKN:866671) und Siemens (WKN:723610) nun in der heißen Phase. Die Zug-Sparten sollen zusammengelegt werden. Das würde einen neuen Höhepunkt der Branchenkonsolidierung bedeuten. Lies hier, was dieser strategische Schritt darüber hinaus alles auslösen könnte.

Der Umbau geht weiter

Fast monatlich verkündet der Boss Joe Kaeser neue Maßnahmen, mit denen er schlagkräftigere und agilere Einheiten formen will. Meistens werden Spezialisten ins Boot geholt, wie zuletzt bei Fluence, dem neu gegründeten Energiespeicher-Joint Venture mit der AES Corp (WKN:882177).

Auch die Mobility-Sparte bleibt von dieser Umtriebigkeit nicht verschont. Mit der ebenfalls in Berlin ansässigen Schienenverkehrssparte von Bombardier wird nun offenbar intensiv darüber gesprochen, in welcher Form man zusammenkommen kann.

Wie bereits Anfang Mai von mir vermutet (siehe Artikel), wird laut den aktuellen Quellen die Schaffung von zwei Einheiten favorisiert: eine, die sich um den Zugbau und wahrscheinlich auch den zugehörigen Service kümmert und eine, welche die Signaltechnik konsolidiert. Erstere käme unter Bombardiers Führung und Zweitere ginge zu Siemens.

Das käme den Interessen der Bombardier-Familie entgegen, die auf keinen Fall die Kontrolle über das gesamte Geschäft abgeben wollten. Was sich erst mal recht elegant anhört, hat aber eine Reihe von Implikationen.

Implikation Nr. 1: Neue Wettbewerberlandschaft

Dieser Punkt ist vielleicht der offensichtlichste: Wo zwei Spieler zusammengehen, da reduziert sich die Auswahl für die Kunden, sprich die Deutsche Bahn und andere Betreiber von Nah- und Fernverkehrssystemen.

Mit Alstom (WKN:A0F7BK) und Hitachi Rail sind damit nur noch zwei größere Konkurrenten in Europa am Start. In einigen Segmenten kommen noch Stadler Rail aus der Schweiz und die baskische CAF hinzu. Auf globaler Ebene trifft man zudem gelegentlich auf weitere japanische und koreanische Hersteller, aber der Elefant im Raum ist zweifellos die CRRC Corporation (WKN:A0Q8DQ) aus China, der man jetzt die Stirn bieten möchte.

Die bereits eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen bei den deutschen Standorten von Bombardier und im kleineren Umfang von Siemens sind sicherlich förderlich für den Fusionsprozess. Das reduziert den zusätzlichen Restrukturierungsaufwand, der typischerweise zu erwarten wäre.

Aber Bombardier muss aufpassen: Die Kundschaft mag es nicht, wenn die Lieferanten immer größer und weniger werden. Deshalb kann es gut sein, dass der asiatische Wettbewerb noch aktiver als früher zur Abgabe von Angeboten bei Neuausschreibungen aufgefordert wird.

Implikation Nr. 2: Das Signaltechnik-Oligopol

Im Bereich Signaltechnik waren die Europäer hingegen schon immer führend. Die großen Anbieter waren bislang bei den integrierten Schienenverkehrs-Konzernen angesiedelt. Somit hätte die geplante Transaktion zweierlei Effekte: Einerseits reduziert sich die bereits stark verringerte Vielfalt bedenklich, aber andererseits findet auch eine durchaus wünschenswerte Entkopplung statt.

Siemens Bombardier Signaltechnik (ich will sie mal so nennen, obwohl das Akronym SBS bereits verbraucht ist) könnte dann unabhängiger als Partner der gesamten Branche agieren, was den Abschuss von Neugeschäft erleichtern würde. Allerdings wird man zunächst die Forderungen der Kartellbehörden befriedigen müssen. Das ein oder andere Geschäftsfeld muss dafür voraussichtlich an einen Wettbewerber abgegeben werden.

Implikation Nr. 3: Die Zukunft der Post- und Flughafen-Logistik

Bereits jetzt etwas schräg in der Mobility-Division von Siemens liegt der Bereich Postal, Parcel & Airport Logistics. Darunter werden hochautomatisierte Gepäckförder-, Briefsortier- und ähnliche Anlagen zusammengefasst.

Ich denke, dass das nach dem Deal vom Management neu organisiert werden muss, damit es wieder Sinn ergibt. Eine relativ einfache Möglichkeit bestünde darin, das Geschäft mit der Industrieautomatisierung zusammenzubringen. Aber so wie das Management im Moment drauf ist, ist man vielleicht eher geneigt, auch hier einen passenden Partner zu finden.

Das Geschäft gehörte früher zur Dematic und bildete für einige Zeit ein Siemens-Segment, bis 2006 die Industrie- und Distributionslogistik verkauft wurde. Die so neu entstandene Dematic hat mittlerweile bei KION (WKN:KGX888) ein neues Zuhause gefunden. Da könnte eine Familienzusammenführung sicherlich in Betracht kommen. Auch Jungheinrich (WKN:621993) hätte womöglich Interesse, ihr Lösungsspektrum für Flughäfen auszuweiten.

Implikation Nr. 4: Neue Perspektiven für das Verkehrsmanagement

Neben dem Schienenverkehr hat Siemens Mobility auch Lösungen für den Straßenverkehr im Programm. Unter dem Label Intelligent Transport Systems (ITS) werden dort Systeme entwickelt, die den Verkehrsfluss erhöhen und Großstädte vor dem Kollaps bewahren sollen.

Das passt eigentlich ganz gut mit der Bahn-Signaltechnik zusammen. Allerdings sind die Markteintrittshürden beim Straßenverkehr viel geringer, weshalb die Marktposition von Siemens bei ITS weit weniger abgesichert ist. Ganz klar: dort stehen weitere Konsolidierungsschritte an.

Ganz aktuell hat beispielsweise Continental (WKN:543900) Quantum Inventions übernommen, ein Spezialist für Stadt-Daten-Lösungen und Navigationssysteme aus Singapur. Gleichzeitig hat Bosch kürzlich angekündigt, dass man rund um die urbane Mobilität in die Offensive gehen will.

Wie es jetzt weitergeht

Elektrifizierung und Digitalisierung sind zwei Kernkomponenten der Siemens-Strategie. Die Abgabe der Zugbau-Aktivitäten bei gleichzeitiger Stärkung der Signaltechnik wäre ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Zunächst müssen sich beide Seiten aber noch einigen und dann die Aufsichtsbehörden mit Zugeständnissen überzeugt werden.

Gelingt dies, dürfen wir mit weiteren strategischen Maßnahmen rechnen, wobei sich für Drittunternehmen wie KION oder Continental Chancen ergeben, selbst einen Deal mit Siemens einzufädeln.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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