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ABB aufspalten? Pro und Contra

Foto: Pixabay, Hans

Der schwedische Hedgefonds Cevian fordert Berichten zufolge den Schweizer Industriekonzern ABB (WKN:919730) auf, seine renditeschwache Stromnetz-Sparte herauszulösen. Nun soll eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group belegen, dass auf diese Weise ein Mehrwert für Aktionäre geschaffen werden könnte.

Lass uns daher mal einen Blick auf die wichtigsten Kriterien werfen, die für und gegen einen solchen Schritt sprechen. Gut möglich, dass eine dritte Alternative die beste Lösung für Unternehmen und Aktionäre wäre.

Kriterium 1: Wendigkeit

Eine reine Aufspaltung in zwei kleinere Einheiten hätte den positiven Effekt, dass die Wendigkeit erhöht wird, dadurch dass eine Hierarchiestufe wegfällt und operative Ressourcen optimal an die neue Organisation angepasst werden.

Ein Vorbild hierfür könnte Bayer (WKN:BAY001) sein, ein Konzern der letztes Jahr aus seiner MaterialScience-Sparte mit Covestro ein stabiles Chemieunternehmen geschaffen hat.

ABBs Stromnetzbereich ist der Marktführer in seinem Segment und kann ohne Zweifel auch auf eigenen Beinen sicher stehen. Dass die anderen Bereiche rund um die Automation und Elektrifizierung zusammen einen weiterhin starken Konzern bilden würden, belegt der sehr ähnlich aufgestellte französische Konzern Schneider Electric (WKN:860180).

Dieses Kriterium spricht daher für eine Aufspaltung.

Kriterium 2: Kopffreiheit

Wer eine Aufspaltung von ABB fordert, berücksichtigt vielleicht nicht ausreichend, wie gut die Stromnetz-Sparte zu den anderen Bereichen komplementär ist. Für mich ist ein wesentliches Kriterium bei der Aktienauswahl, dass ich mir ohne Probleme vorstellen kann, dass das betrachtete Unternehmen in 10 Jahren noch existiert und prosperiert.

Das gelingt mir umso besser, je mehr Kopffreiheit ich erkennen kann. Damit meine ich zum Beispiel, dass die technologische Kernkompetenz es erlaubt, erfolgreich in verwandte Marktsegmente einzusteigen oder dass Ingenieurskapazitäten zu den aussichtsreichsten Geschäftsfeldern hin verlagert werden können.

Je spezialisierter ein Unternehmen ist, desto weniger Flexibilität hat es diesbezüglich. Bei konjunkturellem Gegenwind wird es dann schwer, gegenzusteuern und das einzige Mittel besteht oft in teuren Entlassungen. Bei ABB bin ich beispielsweise sicher, dass viele Ingenieure der Stromnetz-Sparte auch beim Energiemanagement in Fabriken eine gute Rolle spielen würden.

Dieses Kriterium spricht daher eher gegen eine Aufspaltung.

Kriterium 3: Größenvorteile

Des Weiteren frage ich mich, ob eine geteilte ABB gegenüber den Giganten General Electric (WKN:851144), Toshiba (WKN:853676) und Siemens (WKN:723610) nicht wie zwei Mittelständler aussehen würde, vor allem wenn es um umfassende Projekte wie Industrieparks oder die intelligente Aufrüstung ganzer Städte geht. Niemand bestellt den örtlichen Handwerker, wenn er ein Einkaufszentrum hochziehen will.

Möglicherweise hinkt dieser Vergleich etwas, aber dass ABB ein bisschen an Bedeutung und Einkaufsmacht verlieren könnte, ist aus meiner Sicht eine realistische Annahme.

Beispielsweise hatte der früher mächtige Tyco-Konzern sich vor einigen Jahren spektakulär in mehrere Teile aufgespalten. Heute sind die meisten davon wieder unter das Dach einer größeren Einheit geschlüpft. Die Gesundheitssparte sogar zweifach, sie ist seit 2015 Teil von Medtronic (WKN:A14M2J). Die Gebäudetechnik fusioniert aktuell mit einem entsprechenden Bereich von Johnson Controls (WKN:857069), was vielleicht das Ende der Marke Tyco bedeutet.

Auf eine Aufspaltung würde also mit gewisser Wahrscheinlichkeit nach einiger Zeit eine Fusion folgen. Dass so viel Unruhe gut für eine Organisation ist, halte ich für fragwürdig.

Der Verlust von Größenvorteilen spricht eher gegen eine Aufspaltung.

Alternative Joint Venture

Zwischen Aufspaltung und dem Belassen des Status Quo gibt es natürlich noch andere Möglichkeiten, die vielleicht attraktiver sind und ebenfalls zur Diskussion stehen. Statt das Stromnetz-Segment in die Unabhängigkeit zu entlassen, könnte es auch direkt mit einem passenden Partner zusammengebracht werden.

Der Vorteil wäre, dass die restliche ABB noch mit im Boot wäre. Das Risiko und der Ressourceneinsatz würden mit dem neuen Joint-Venture-Partner geteilt, die Wendigkeit erhöht und der Größenvorteil gewahrt.

Wer käme aber als Partner in Frage? Dass einer der großen drei Hauptwettbewerber die entsprechende Sparte in ein Joint Venture einbringen wollte, halte ich für unrealistisch, sowohl aus strategischer als auch aus kartellrechtlicher Sicht.

Die nächstgrößere S&C Electric aus den USA ist mir zu unscheinbar und amerikalastig, weshalb ABB den Blick vielleicht eher nach Asien richten sollte. Mein Favorit wäre Mitsubishi Electric (WKN:856532), ein Mischkonzern, der in den letzten Jahren viel Smart-Grid-Know-how aufgebaut hat und daher einiges zum Stromnetz des 21. Jahrhunderts beitragen kann.

Ich sehe große Vorteile für beide Seiten, wenn Mitsubishi seine Energy-Sparte in ein Joint Venture mit ABB einbringen würde. Sowohl die geographische Abdeckung als auch das Technologiespektrum wäre noch kompletter.

Optimal für uns Anleger wäre, wenn das Joint Venture per Börsengang mit Kapital ausgestattet würde, sodass wir bei Interesse an dem neuen Vehikel partizipieren können.

Fazit

Wenn ich zwischen der Fortführung eines integrierten Konzerns und einer reinen Aufspaltung in zwei Teile wählen müsste, würde ich mich für die erste Option entscheiden. Die Vor- und Nachteile halten sich in etwa die Waage, aber Veränderungen bringen immer auch Risiken mit sich.

Eine reizvolle Alternative wäre es hingegen, ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem passenden asiatischen Partner zu bilden. Als Marktführer bei der Aus- und Aufrüstung von Stromnetzen könnte eine solche Kombination äußerst erfolgreich agieren.

Wenn zusätzlich ein Börsengang durchgeführt wird, können Anleger entscheiden, ob sie lieber auf das Thema Smart Grids oder Industrie 4.0 setzen, anstatt mit der ABB-Aktie beides auf einmal ins Depot zu nehmen.

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Ralf Anders hält keine Wertpapiere genannter Unternehmen. The Motley Fool besitzt Aktien von General Electric Company.

 

 

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