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Das Kurs-Gewinn-Verhältnis: Was du über das wichtigste Bewertungstool für Aktien wissen musst

Foto: Pixabay, HebiPics

Mach die bereit, da ich dir nun eines der wichtigsten Dinge erzähle, die du über das Investieren wissen musst.

Ja, ich weiß, ich habe dir bereits viele wichtige Dinge erzählt. Aber die Hoffnung dieser einmonatigen Serie ist, dir beim Start ins Investieren in Aktien zu helfen oder dich zu unterstützen, ein noch besserer Investor zu werden. Daher sollten es also die wichtigsten Dinge sein.

Ok, bereit für diese wirklich, wirklich wichtige Sache, die ich dir nun erzählen werde?

Es ist so: Du wirst erfolgreich im Investieren sein, wenn du ständig Aktien kaufst, die zu einem geringeren Preis verkauft werden, als sie eigentlich wert sind und es vermeidest, Aktien zu kaufen, die für einen höheren Preis verkauft werden, als sie wert sind.

Klar? Großartig!

Nun müssen wir nur noch zwei Dinge wissen

Um den Preis mit dem Wert zu vergleichen, müssen wir logischerweise zwei Dinge wissen: den Preis der Aktie und den „wahren Wert“.

Lass uns mit dem Preis anfangen. Das ist einfach. Wir gehen einfach zu Google Finance oder einer anderen der zahlreichen Seiten mit Aktienpreisen. Stimmt‘s?

Nicht ganz.

Das Problem dabei ist, dass der Aktienpreis uns nicht alles sagt, wofür wir bezahlen. Stell es dir so vor: Du gehst zum Bäcker, um ein Brötchen zu kaufen. Der Preis beträgt 2 Euro. Ist das ein guter Preis? Wenn du nur ein einziges Brötchen bekommst, dann ist das ziemlich teuer. Wenn du hingegen vier Stück dafür erhältst, dann ist dies ein viel besseres Geschäft.

Das Gleiche gilt beim Aktienpreis. Mit jeder Aktie hast du einen Anspruch auf einen bestimmten Anteil am Unternehmensgewinn. Die Größe dieses Anspruches macht die Aktie mehr oder weniger wert. Wir brauchen also mehr als nur den Aktienpreis, um unseren Preis-Wert-Vergleich anzustellen.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis

Häufig wird dies einfach KGV genannt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist eine Kennzahl, die den Preis einer Aktie mit dem Gewinn des Unternehmens der letzten 12 Monate ins Verhältnis setzt. Dies gibt uns den Kontext, den wir neben dem reinen Aktienpreis noch benötigen.

Du kannst das KGV auf zwei Arten berechnen. Entweder, indem du den gesamten Marktwert des Unternehmens mit dem Gesamtgewinn vergleichst, den das Unternehmen erwirtschaftet hat, oder (wie es üblicher ist) den Preis der einzelnen Aktie durch den Gewinn pro Aktie (der Gewinn je Aktie ist gleich dem Gesamtgewinn durch die Gesamtzahl aller ausgegebenen Aktien) teilst. Tipp: Es spielt keine Rolle, welche Methode du anwendest, mit beiden Verfahren solltest du die gleichen Ergebnisse erhalten.

Lass uns ein Beispiel aus der realen Welt nehmen, um zu sehen, wie das KGV berechnet wird.

Laut der Daten des S&P Capital IQ hatte Volkswagen einen Gewinn pro Aktie von 23,06 EUR in den letzten 12 Monaten bis zum 31. März.

Wenn ich mir bei Google Finance den Preis der Volkswagenaktie zum Zeitpunkt, an dem der Artikel geschrieben wurde (10:30 Uhr am 9.06.2015), anschaue, wird diese mit 208,35 EUR je Aktie gehandelt.

Mit diesen Zahlen erhältst du das KGV recht einfach:

208,35 / 23,06 = 9,04

Volkswagen hat also ein KGV von 9.

Ist es ein Schnäppchen oder Abzocke

Da wir nun gelernt haben, wie wir den Preis eines Unternehmens mithilfe des KGVs betrachten, müssen wir dies mit dem “wahren Wert” des Unternehmens vergleichen.

Dies ist eine knifflige Frage und eine, auf die es keine eindeutige, klare und richtige Antwort gibt. Die gute Nachricht ist, dass wir nicht absolut richtig liegen müssen, um erfolgreich zu sein.

Während eines Interviews mit dem Journalisten Charlie Rose, sagte der Superinvestor Warren Buffett dies über die Bewertung von Unternehmen:

Du legst Dinge nicht genau fest. Wenn jemand zur Tür reinkommt und zwischen 100 und 150 Kilo wiegt, muss ich nicht genau sagen, er wiegt 119 Kilo, um zu sagen, er ist dick.

Was ist also dick und was nicht? Lass uns zurück zu den Brötchen gehen…

Erinnerst du dich noch an die Bäckerbrötchen? Lass uns annehmen, dass der Preis von 2 Euro für zwei Brötchen gilt. Wir können nun den Preis je Brötchen berechnen. Es ist wie die Brötchenversion des KGV. Damit haben wir etwas mehr Kontext hinsichtlich des Preises. Wir können nun herausfinden, ob das leckere Brötchen ein gutes Angebot ist oder nicht.

Lass uns über die folgenden Fragen nachdenken:

  • Welche Art Brötchen ist es? Wir würden mehr für zwei Mehrkornbrötchen als für zwei weiße Brötchen bezahlen.
  • Sind diese Brötchen groß oder normal?
  • Gibt es noch etwas zusätzlich zu den Brötchen, wie Butter, Quark oder eine Tasse Kaffee?
  • Sind die Brötchen frisch oder noch vom Vortag?
  • Gibt es einen anderen Bäcker in der Nähe, der ähnliche Brötchen für 1,75 EUR verkauft?

Es mag etwas dumm erscheinen und es ist unwahrscheinlich, dass viele von uns diese umfangreichen Analysen für das Brot durchführen, das wir kaufen. Aber diese Fragen könnten uns helfen, herauszufinden, ob das Brötchen ein Schnäppchen ist oder nicht.

Wir können ähnliche Überlegungen bei Aktien anstellen, die wir kaufen. Natürlich sind die Fragen etwas anders.

Im Falle von Aktien sollten wir uns Folgendes fragen:

  • Wie schnell wächst das Unternehmen?
  • Wie gut wird das Unternehmen geführt? Gibt es ein gutes und vertrauenswürdiges Management, das tut, was es sagt?
  • Bietet das Unternehmen gute Produkte an?
  • Mit wem steht das Unternehmen im Wettbewerb und sind diese Unternehmen besser oder schlechter?
  • Ist das Unternehmen in einer Branche tätig, die vielversprechend ist und wächst?

Mit all diesen Informationen können wir ein etwas besseres Bild erhalten, ob eine Aktie einen guten Wert darstellt.

Nimm unser Beispiel von Volkswagen mit seinem KGV von 9. Lass uns annehmen, du hast die folgenden zusätzlichen Informationen: Das Median-KGV des DAX liegt bei 23,9 und das KGV von Daimler bei 11,1. Nun kannst du dies mit den Fragen von oben betrachten. (Die für die Aktien, nicht für die Brötchen)

Durch diese Analyse kommst du wahrscheinlich zu dem Schluss, dass durch seine starken Marken, den Wachstumsmöglichkeiten und der weltweiten Präsenz Volkswagen ein KGV von 11 wert ist. Dies würde den heutigen Preis wie eine gute Kaufgelegenheit aussehen lassen.

Auf der anderen Seite kannst du dir überlegen, dass das Unternehmen so groß ist, dass das Wachstum langsamer wird und dass Wettbewerber wie Daimler besser als VW sind. In diesem Falle erscheint der Preis von heute nicht besonders attraktiv.

Wie du erkennen kannst, gibt es neben den harten Fakten auch solche Faktoren, die dazu führen, dass die Überlegung zu gleichen Teilen Kunst und Wissenschaft ist. Wenn wir uns an das Zitat von Buffett erinnern, suchen wir nach solchen Situationen, in denen eine „dicke“ Aktie in den Raum kommt. Wir schauen also nach Situationen, in denen es offensichtlich ist für uns, dass die Aktie ein großartiger Kauf ist.

Ein paar warnende Worte zum KGV

Das Gute am KGV ist, dass es so einfach ist. Wenn wir aber mit etwas so „einfachem“ arbeiten, müssen wir aber häufig auf Schwächen gefasst sein. Beim KGV gibt es viele – nicht so viele, dass sie die Nützlichkeit als schnelle Bewertungsmethode überwiegen – aber genug, um das KGV immer mit Vorsicht zu genießen.

Hier sind ein paar Dinge, die du bei der Verwendung des KGVs beachten solltest:

  • “Zyklische Unternehmen” haben Gewinne, die während guter wirtschaftlicher Zeiten steigen und dann stark fallen, wenn die Wirtschaft einen Abschwung erlebt. Das KGV dieser Unternehmen kann auf dem Höhepunkt und in der Talsohle irreführend sein.
  • “Einmalige” Ereignisse können den Gewinn des Unternehmens beeinflussen, indem sie entweder den Gewinn steigen lassen oder schmälern. Diese einmaligen Faktoren können das gegenwärtige KGV für ein Unternehmen wenig sinnvoll machen.
  • Schnell wachsende Unternehmen haben häufig KGVs, die höher als der Rest des Marktes sind. Manchmal sind diese Unternehmen wirklich zu teuer. Manchmal kann aber auch das Wachstum und die Qualität ein hohes KGV rechtfertigen.
  • Ein niedriges KGV bedeutet nicht immer, dass eine Aktie billig ist. Viele der Fragen, die ich oben aufgelistet hatte, haben mit der Qualität des Unternehmens zu tun. Wenn ein Unternehmen schlecht ist, dann kann selbst ein niedriges KGV zu hoch sein.
  • “Hinterherhängendes KGV” – das KGV, was du normalerweise siehst, basiert auf den Monaten, die bereits vergangen sind. Manchmal wird das KGV jedoch auch auf zukünftiger Basis berechnet. Dabei werden die geschätzten Einnahmen der kommenden 12 Monate verwendet. Sei vorsichtig, wenn du das zukünftige KGV siehst, denn dies ist nur dann sinnvoll, wenn die Qualität der Schätzung gut ist.

Es gibt noch viel mehr Dinge, die du über die Bewertung und das KGV im Laufe deines Investorenlebens kennenlernen wirst. Aber dies sollte dir eine Grundlage verschaffen, auf der du aufbauen kannst.

Heute war die längste Lektion, die wir bisher hatten. Atme jetzt einfach tief durch und klopf dir auf die Schulter. Gut gemacht! Und natürlich werden wir uns hier auf Fool.de morgen wiedersehen, um mehr über das Investieren zu lernen.

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Matt besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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