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3 Gründe, weshalb ich nicht in Rocket Internet investiere

Foto: Wikimedia Commons, G. Friedrich
  • „Rocket Internet verpatzt IPO“
  • „Rocket Internet enttäuscht“
  • „Rocket Internet macht die Börse kaputt“

Schon am ersten Handelstag von Rocket Internet AG (ETR:RKET) rauschen solche Zitate wie wild durch die Medien. Das zeigt allerdings nur, wie extrem kurzfristig orientiert die Berichterstattung über das Börsengeschehen ist. Nur weil der Aktienpreis ein paar Stunden nach Handelsstart ein paar Prozent unter dem Ausgabepreis liegt, ist Rocket noch lange keine Fehlinvestition.

Co-Fool Miklos Szekely stellt hier seine optimistische Sicht auf die Dinge dar. Ich bin wesentlich zurückhaltender. Darum hier meine 3 Gründe, weshalb ich nicht in Rocket investiere:

1. Zu viele Unwägbarkeiten bei der Berechnung einer fairen Bewertung

Rocket Internet ist eine Holding-Gesellschaft. Sie ist beteiligt an rund 50 Firmen, die in über 100 Ländern aktiv sind. Ein Großteil der Firmen ist jünger als meine Tochter, die jetzt ungefähr fünf Worte sprechen kann. Wie können wir also eine Bewertung vornehmen, die all das berücksichtigt?

Wir könnten es uns einfach machen und sagen, dass die gegenwärtigen Investoren der 50 Firmen schon wissen, was sie tun und einfach deren letzten Bewertungen akzeptieren. Diese sind unter dem Begriff „Last Portfolio Value“ im Börsenprospekt veröffentlicht. Rechnet man zu diesen noch die weiteren Nettovermögenswerte von Rocket Internet nach den Erlösen des IPO hinzu, so kommt man auf einen Wert von 23,08 € pro Aktie (siehe Seite 26 im Prospekt).

Das gibt zumindest einen Anhaltspunkt, aber auf Dritte möchten wir uns bei unseren Investitionen doch nicht verlassen, oder? Also müssten wir den Wert eines jeden Unternehmens in dem Konglomerat selbst berechnen. Die Herangehensweise, wie ich das machen würde, erspare ich euch an dieser Stelle, aber folgende Faktoren spielen die Hauptrolle:

  • Geschätzter Kapitalbedarf des Unternehmens
  • Geschätzte Überlebenswahrscheinlichkeit des Unternehmens
  • Geschätzter potentieller Gesamtmarkt, den das Unternehmen adressiert
  • Geschätzte potentielle Gewinnmarge

Viele Schätzungen, nicht? Und es kommen neue Unternehmen im Monatsrhythmus hinzu. Ich traue mir jedenfalls nicht zu, das realistisch und mit belastbaren Annahmen zu tun. Wenn es einer von euch schafft oder einen einfacheren Weg kennt, freue ich mich auf Kommentare unter dem Artikel.

Vereinfachend könnten wir noch sagen, es reicht eigentlich aus, wenn unter all den Unternehmen am Ende – sagen wir in 10 Jahren – vier bis fünf (profitable) Zalandos stehen und der ganze Rest in Summe nicht zu viel Kapital vernichtet hat. Wenn man zu dem Schluss kommt, dass das relativ wahrscheinlich ist, dann rechtfertigt sich die jetzige Marktkapitalisierung von rund 6 Mrd. Euro.

Auch wenn ich das alles andere als ausschließen möchte – schließlich hat Rocket Beteiligungen in zwei der vier einwohnerstärksten Ländern der Welt, Indien und Indonesien – ich vermag das im Moment nicht realistisch einzuschätzen. Und alleine die Hoffnung auf hohe Gewinne ist für mich kein Grund zu investieren, daher beobachte ich das Geschehen erst einmal von der Seitenlinie.

2. Intransparente Strategie

Kurz gesagt: will Rocket Internet

  1. seine Unternehmen für einen größtmöglichen Gewinn so früh wie möglich veräußern oder
  2. will es langfristig an seinen Unternehmen beteiligt sein und von den operativen Gewinnen profitieren?

Im Börsenprospekt habe ich dazu keine eindeutige Aussage gefunden.

Ich tendiere dazu zu glauben, dass Rocket offen für beides ist, aber halte Ersteres für wesentlich wahrscheinlicher. Damit haben vor allem die Gebrüder Samwer hervorragende Erfahrungen gemacht. Mit der Leitung eines gestandenen Unternehmens haben sie dagegen wenig Erfahrung.

Da ich nur in Unternehmen investiere, deren langfristiges Gewinn-Potential ich abschätzen können möchte, wäre mir die zweite Variante lieber. Laut Prospekt rechnet Rocket allerdings erst in 6-9 Jahren nach Gründung der Unternehmen mit dem Break Even. Im Zweifelsfall vergeht also noch viel Zeit, bis wir die endgültige Antwort kennen.

3. Das Management Team

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Ich habe Respekt vor dem, was die drei Samwer Brüder erreicht haben. Sie waren nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sondern bewiesen den richtigen Instinkt und haben dann auch noch das Richtige getan – zumindest für sich selbst und die Mitgründer ihrer bisher erfolgreich veräußerten Unternehmen.

Mit ihren Methoden – die ich zugegebenermaßen nur vom Hörensagen kenne (siehe z.B. „Blitzkrieg E-Mail“), kann ich mich jedoch nicht identifizieren. Der Ton ist offenbar etwas weniger aggressiv geworden, nur habe ich meine Zweifel, dass das authentisch ist. Und die Bezeichnung „Proven Winners“, wie Rocket seine Perlen im Portfolio nennt, hat einen Touch von Überheblichkeit. Schließlich schreiben auch diese Unternehmen allesamt noch deutliche Verluste.

Sicher, Optimismus ist eine Grundvoraussetzung, um Rocket Internet erfolgreich zu führen – und nebenbei auch um in das Unternehmen zu investieren. Für die externe Kommunikation wünsche ich mir trotzdem eine geeignetere Wortwahl, denn so tun sich in mir Zweifel auf, ob das Management daran interessiert ist, möglichst aufrichtig mit seinen Investoren umzugehen. Und Aufrichtigkeit des Managements ist für mich ein Kernkriterium für eine Investition.

Ein weiterer Punkt unterstreicht meine Eindrücke: Seit Anfang August haben sich drei Investoren gefunden, die Rockets Bewertung mit ihren Investitionen sukzessive nach oben geschraubt haben. Dieses Vorgehen – es handelt sich dabei um einen Zeitraum von nicht einmal zwei Monaten – verursacht bei mir ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

Fazit

Unsere Medien reden Rocket schlecht, nur weil das Unternehmen, bzw. die beteiligten Banken, es nicht geschafft – oder nicht versucht – haben, den Preis der Rocket Aktie in den Stunden nach Handelsstart zu stabilisieren. Für Foolishe Investoren ist das aber Quatsch und wir sollten diese Diskussionen ignorieren.

Für uns ist wichtig, ob wir mit Rocket die Möglichkeit haben, 50 Cent für einen Euro zu zahlen. Die kurze Antwort ist: ich halte es nicht für unrealistisch, aber halte die Möglichkeiten dies realistisch einzuschätzen für sehr eingeschränkt. Hinzu kommen für mich die offenen Strategie- und Management-Praktiken, die nicht unbedingt von Aufrichtigkeit zeugen.

Bist du anderer Meinung? Lass es mich wissen, denn ich halte die Möglichkeiten von Rocket Internet für interessant und hätte nichts dagegen, wenn du es schaffst, mich umzustimmen!

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Bernd Schmid besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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